Genug ist nicht genug

Nach einem sehr langen und warmen und vollen Sommer ist nun der Herbst in den Oberharz eingekehrt. Einiges von dem Regen, der uns spätestens ab November als steter Freund besuchen wird, hätten wir in diesem Sommer sicherlich für die Felder und für unsere Talsperren brauchen können. Was uns an die Badeseen trieb und braun werden ließ, was die Nächte kurz und schwül machte und die Mittagspausen fast zu südlichen Siestas, was unser Lebensgefühl so rund und voll machte und uns daran erinnerte, dass manchmal Nichtstun das Beste ist, wurde, zu Recht, von anderen als ein deutliches Zeichen des Klimawandels gedeutet. Rainer Maria Rilke schrieb 1902 in Paris das Gedicht „Herbsttag“. Darin heißt es: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.“ Nach einem sehr großen Sommer ist es nun umso mehr Zeit für den Herbst, sein buntes Laub und seine Stürme. Nach dem großen Genug ist Zeit für Abschied, Melancholie, Erinnern und Besinnung. Alles hat seine Zeit. Weiter geht es in Rilkes Gedicht: „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.“ Der Herbst ist auch die Zeit des Vollendens. Des Fertigwerdens. Und eines letzten Seufzers und Staunens. Die Früchte haben den heißen trockenen Sommer an vielen Orten auch genossen. Sie wurden früher reif als in anderen Jahren. Die Weinlese begann zeitig und der Heurige wird gut werden und trocken und dennoch süffig. So schmeckt die Ruhe nach dem Sturm. So schmeckt Zufriedenheit und Zuhause. Im besten Fall am einen oder anderen Abend noch unter freiem Himmel, im Kreise der Freunde, der Sangesgeschwister, der Verlässlichen. Rilkes Gedicht endet: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Und da ist dann schon November im Frühherbst zu spüren: Ewigkeitssonntag und Buß­ und Bettag. Oberharzer Nebel und Unwetter … und am liebsten nicht vor die Haustür gehen. Und wenn unser Haus nicht auf Sand gebaut ist und die Bauleute den Eckstein nicht verworfen haben, so hat auch dies im Wechsel der Jahreszeiten seinen Gott gewollten Sinn: Reflexion, Meditation. Warten auf einen Neubeginn, auf etwas noch Größeres, auf Sinn.

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann Beauftragte des Kirchenkreises Harzer Land für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit in der Region Oberharz