Online-Reihe: Teil 3

Caspar David Friedrich und die Sehnsucht des Menschen

15.05.2007 von Amay Franck
Ich bin in einem großen deutschen Museum. Hunderte gehen langsam von Bild zu Bild. Manch einer bleibt lange vor einem Bild stehen, geht so nahe heran, wie es möglich ist, ohne dass die Alarmanlage ausgelöst wird. Der ein oder andere kehrt nach einigen Bildern wieder zu einem bestimmten Bild zurück – schaut andächtig. Es ist recht still.
„Wie kommt es, dass ich bei bestimmten Bildern immer traurig werde?” höre ich eine Frau zu ihrer Freundin sagen. „Wehmütig, sehnsüchtig, traurig, gerührt – aber gleichzeitig bin ich auch von einer großen inneren Freude erfüllt”, fährt sie fort.
Wir sind in einer Ausstellung von Caspar David Friedrich. Die Ausstellung ist, so heißt es, ein „Publikumsmagnet”. Was hat Hunderttausende hierher gezogen? Was ist das Besondere an der Malerei von Caspar David Friedrich?
Hauptsächlich hat er Landschaften gemalt, die es so, wie er sie malte, niemals gegeben hat. Es sind konstruierte Landschaften, Seestücke und Stadtansichten. Zusammengesetzte Bilder: von dieser Stadt eine Stadtmauer, von jenem Gebirge eine charakteristische Silhouette; Meerstrände hinter sanften Hügeln, Bauerndörfer vor den Toren einer imaginären Stadt.
Es geht mir so wie vielen Betrachtern. Es wird durch diese Bilder eine Saite zum Schwingen gebracht und man weiß zunächst nicht, warum. Ich fühle mich dabei an das Lied der Loreley erinnert: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn…” Es scheint eine Urerinnerung an einen vollkommenen, friedvollen Zustand zu sein, die uns traurig und sehnsüchtig macht. Wir leben nicht mehr in diesem Sehnsuchtsland, aber dunkel steigt etwas davon in uns auf.
Ich habe diese Traurigkeit schon früh in meinem Leben gekannt und den Entschluss gefasst: „Ich werde dieses Land suchen, dieses Land Nirgendwo, diesen utopischen paradiesischen Ort.” Wenn etwas von ihm in mir als Sehnsucht erwacht, dann muss dieses „Etwas” eine Beziehung dazu haben. Doch was muss ich dabei tun, was muss ich lassen? Inzwischen habe ich, nach langem Suchen, herausgefunden: Das Gesuchte liegt in mir selbst verborgen, es ist zwar fast verschüttet, aber ich spüre es immer deutlicher als einen Teil von mir. Es ist wie eine neue Welt….

Der Mönch am Meer, eine Ikone der deutschen Romantik
Berlins große Kunstschätze ziehen Jahr für Jahr viele Menschen in die deutsche Hauptstadt. Auch Caspar David Friedrichs Bild der Mönch am Meer hat viele Bewunderer, einer von ihnen ist Bin Chuen Choi.

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung
Das erste Mal hat der Hongkonger Künstler Bin Chuen Choi sein Lieblingsbild in der Alten Nationalgalerie in Berlin gesehen. „Als ich das Bild das erste Mal gesehen habe, dachte ich, das Thema ist zwar sehr bekannt. Aber so kompromisslos ein Bild zu malen, ist doch etwas ganz Besonderes.“ Seither sieht sich der chinesische Künstler das Gemälde immer wieder an: den schier endlosen Himmel und das schwarze, trostlose Meer; auf der kahlen Landspitze steht, winzig und verloren, ein Mönch.
Das Individuum mit seinen Gefühlen und in seiner Einsamkeit so in den Mittelpunkt zu stellen, war außergewöhnlich in der Epoche der Romantik. „Damals hat man eher die Natur nachgeahmt“, erklärt Bin Chuen Choi, „während Caspar David Friedrich versucht hat, ungreifbare Empfindungen sichtbar zu machen.“ Vielleicht spricht das Bild des einflussreichen Romantikers deshalb seit fast 200 Jahren so viele Menschen an. “Der Mönch am Meer“ wurde zu einer Identifikationsfigur für Sinnsuchende, Melancholiker und Einsame, sein Bild eine universell verständliche Ikone der deutschen Romantik.
Friedrich hat zwei Jahre lang an „Der Mönch am Meer“ gemalt, während er selbst von Depressionen geplagt war. Bin Chuen Choi erkennt in dem Werk einen Künstler im Schwebezustand zwischen Verzweiflung und Hoffnung: „Als ich mir das Bild länger angeschaut habe, erkannte ich genau über dem Mönch eine Öffnung in den Wolken, durch die Licht einfällt. Ich nehme an, dass Caspar David Friedrich keine Zufälle zulässt. Er hat schließlich sehr lang an diesem Bild gearbeitet. Somit spiegelt sich in diesem Bild auch ein bisschen Hoffnung wieder.“

Caspar David Friedrich
ist bis heute Inbegriff des romantischen Malers. Gewiss war und blieb die Frömmigkeit Friedrichs, unterm Eindruck des Freundes und Lehrers Friedrich Schleiermacher der subjektive Ausdruck der Religion. Letztere war für Schleiermacher „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ und überwand in der Wahrnehmung, die er als Verschmelzung von Subjekt (dem religiösen Menschen) und Objekt (der göttlichen Unendlichkeit) begriff, deren Spaltung.
Ich persönlich meine aber auch immer den sehnsüchtigen Zweifler in Friedrich und seinen Bildern zu erkennen. Zu groß scheint diese Sehnsucht um festlegen zu wollen, was Ziel ihrer Suche ist. Damit bleibt der Romantiker auch und gerade ein im aufgeklärten Sinne der Religion kritisch Gegenüberstehender.
Es ist ein schöner Zufall, dass die Jahreslosung für 2020 aus Markus 9,24 stammt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ heisst es da.

Für den Freitagabend dieser Woche
schlage ich einen virtuellen Galeriebesuch vor.
Ich liebe die langen Nächte der Museen. Und sehr gerne hatte ich auch die Kunstgottesdienste in meiner Zeit als Direktorin der Ev. Akademie im Rheinland sonntags im Kunstmuseum Bonn – zusammen mit dem dortigen Leiter und vor einem ausgewählten Original.

Das Bild „Der Mönch am Meer“ findet man, wenn man auf
https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/alte-nationalgalerie7home.html geht
Da die Galerie geschlossen hat, aber auch sonst, gibt es einen virtuellen Rundgang unter dem Stichwort „online erkunden“. Dann findet man zum Stichwort „Romantik“ 60 Bilder. Und das erste ist gleich das, was wir suchen.
Wer möchte, kann sich auf diverse andere thematische Rundgänge einlassen oder nach den wöchentlichen Höhepunkten Ausschau halten

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers