Online-Reihe: Teil 4

Die Musik ist eine der wichtigsten Hilfen des Glaubens und auch Teil der Offenbarung, was den wenigsten Theologen voll bewusst ist
(Paul W. Scheele, Lob der Musik und der Musiker. Beiträge zu einer Theologie der Musik, Echter Verlag 2005)

Hier einige Gedanken zur Systemrelevanz von Musik / Kultur:

Eigentlich und vornehmlich werden Unternehmen als systemrelevant bezeichnet, die eine derart bedeutende wirtschaftliche Rolle spielen, dass ihre Insolvenz vom Staat oder der Weltgemeinschaft nicht hingenommen werden kann. Droht diese dennoch, wird sie in der Regel mit öffentlichen Mitteln durch eine Rettungsaktion abgewendet.

Anlässlich der Coronakrise wurden ab März 2020 als systemrelevante Berufsgruppen solche bezeichnet, deren Tätigkeit für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich sind, u.a.:
*Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz
*Medizin und Pflege
*Lebensmittelwirtschaft und
*Entsorgungswirtschaft
*Telekommunikation, Energieversorgung, Wasserversorgung – inklusive dafür notwendiger IT
*Öffentlicher Personennahverkehr

In Zeiten der Distanz sozial, solidarisch und systemrelevant: Kunst

Keine andere Kulturform ist derzeit betroffen wie das Theater, für das soziale und physische Nähe systemimmanent sind. Theater als Kunstform entsteht und existiert in der unmittelbaren zwischenmenschlichen Interaktion, in leiblicher Kopräsenz.
Nicht ganz so sehr, aber auch ungemein betroffen ist die Musik. Auch sie hat die Aufgabe, ein soziales und ästhetisches Zentrum von Städten und Regionen zu sein.
Um dennoch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung präsent und handlungsfähig zu bleiben, werden alternative Formate entwickelt und auch die Planungen für die Zeit nach der Krise vorangetrieben. Inhalte werden digital zur Verfügung gestellt, live gestreamt oder aufgezeichnet und ins Netz gestellt. Neue Formate entstehen – manche werden vielleicht auch bleiben und unsere Welt bereichern, wenn wir das Schlimmste überwunden haben.
(Und das alles erinnert mich in erstaunlichem Maße an das, was wir in unserer Region Oberharz gerade mit Gottesdienst- und Kulturformaten erleben. Vielleicht wird ein bereicherndes und bleibendes Ergebnis aus der Krise sein, dass wir künftig einen eklatanten Pastoren- und Mitarbeitermangel mit Hilfe digitaler Medien bis zu einem gewissen Grad ausgleichen können. Vielleicht werden die gemeinsamen Experimente künftig zu einer größeren Mündigkeit aller Gemeindeglieder führen. Es bleibt abzuwarten.)
Hier und da entstehen ganz neue Kunstformen, Techniken und Stile (ein Beispiel siehe unten).
Religion und Kunst lernen gerade in einem sehr besonderen Maße, wie man über Distanz zusammenhalten kann – sozial, kreativ und solidarisch zu sein.

Musik ist formgewordene Stille
In Zeiten wie diesen wird es still um uns Menschen. Denen von uns, die es gewohnt sind, sich oft und gerne ins rauschende laute Leben zu stürzen, oft unerträglich still. Denen, die sich Sorgen machen, Angst haben, diese Welt nicht mehr verstehen, rückt die Stille auf den Leib. Und doch bietet sie eine nicht zu unterschätzende Chance gegen eine, gerade in Krisenzeiten, überhand nehmende „verbale Inkontinenz“.
Ich frage mich derzeit täglich, woher all die Ratschläge, Ermahnungen und Erklärungen – seien sie nun ökonomischer, politischer oder auch religiöser Natur – eigentlich kommen. Worauf sie gründen. Manche ihrer Urheber und Urheberinnen scheinen mir ihre eigene Unsicherheit damit zum Schweigen bringen zu wollen, andere sehen sich auch jetzt noch am liebsten im Vordergrund, wieder andere machen sogar einen Verkaufsschlager draus.
Die, die derzeit zuallererst etwas zu sagen haben – die Wissenschaftler und Mediziner, die sagen nur das Nötigste und auch das unter dem gebotenen Vorbehalt.
In Zeiten wie diesen tut Stille not. Wir müssen lernen, sie auszuhalten und uns und der Welt und damit dann im besten Falle auch Gott, ein kleines Stück weiter auf den Grund zu kommen.
Und die Musik hilft uns dabei. Denn wir dürfen sie getrost als Schwester der Stille begreifen.
Es gab einmal einen sehr bekannten italienischen Komponisten, Ferruccio Busoni, der behauptete: „Musik ist nur klingende Luft“.
Ein klingendes Nichts also.
Schopenhauer andererseits, der viel über das Nichts und die Leere nachdachte, sagte, in der Musik sei das „An sich der Welt“ zu hören. In ihr sei alles zu finden, was unsere Welt ausmache – Natur und Mensch, einfach alles.
Ist sie nun Alles oder Nichts, die Musik?
Unvergleichliche Worte dazu hat immer wieder Daniel Barenboim gefunden, der meint, dass Klang sich in Stille auflöse. Musik ist für ihn dabei eine Art von Klang, ein geordneter sozusagen. Von Menschen gemacht. Anders als andere Dinge bleibt er nicht. Er erklingt und ist irgendwann wieder verschwunden. Löst sich auf in Stille.
Musik hat keinen Anfang und kein Ende. „Ein Musikstück zum Beispiel beginnt nicht erst mit der ersten Note und endet nicht mit dem letzten Ton – es kommt aus der Stille und es endet in ihr.“ (veröffentlicht am 4.9.2010 unter www.welt.de: Aus dem von Axel Brüggemann herausgegebenen Buch: Wie Krach zu Musik wird. Die etwas andere Musikgeschichte. Beltz & Gelberg 2010)
Und Barenboim schlägt vor, dass wir unser Leben mit der Musik vergleichen. Auch wir vergehen. Unser Leben ist zeitlich begrenzt wie der Klang.
Nach dem deutschen Musikjournalisten, Festivalgründer und Jazz-Musikproduzenten Joachim-Ernst Berendt (Nada Brahma: die Welt ist Klang, Suhrkamp 2007) wird die Welt von einem Gott aus Klang geschaffen: „Nada Brahma“. Oder wir können auch sprechen von Nada Brahman, dem Absoluten, welches eine Welt aus Schwingung schafft.
Und im Buddhismus ist die Stille ein wesentlicher Teil der Übung des Sitzens. Äußerliche Stille hilft uns innerlich still zu werden. In die rechte Stille hinein (Samadhi).
Stille mitten im Leben zu finden, kann auch bedeuten, zu erwachen. Zu begreifen, dass sowohl Raum als auch Zeit (und damit Sterblichkeit) vorletzte Erscheinungsformen der letzten Wirklichkeit sind. Diese ist leer und umfasst doch in sich alles was ist in wechselseitiger Beziehung.
Vielleicht kommt aus dieser Stille dann ein neuer Klang ins Leben. Eine Musik aus Weisheit und Bescheidung.

Für den Freitagabend dieser Woche
schlage ich vor, den sehr besonderen Coro virtuale „Va pensiero“ aus Verdi’s „NABUCCO“, gesungen vom International Opera Choir in Rom mit dem Projekt Manager Raffaele Baioni und dem Dirigenten M° Giovanni Mirabile. Man findet ihn, wenn man auf https://www.youtube.com/watch?v=JTVXEGIS3LE&feature=youto.be geht.

Wer täglich eine halbe Stunde Musik von Hoffnung hören möchte, geht bis zum 7. April noch um 18.00 auf arte. Näheres dazu unter hope@home. Der südafrikanisch-britische Violinist Daniel Hope gibt seit dem 25.3. jeden Abend in seinem Berliner Wohnzimmer ein Konzert mit Gästen im Livestream.

Oder und weitergeleitet mit herzlichen Grüßen der europäischen Erasmusdozenten im Fach Jura:
https://www.digitalconcerthall.com/en/concerts
https://lnkd.in/gwdGY8n
https://bit.ly/2w2QXbP

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers