Online-Reihe: Teil 5

TASSO:

O welches Wort spricht meine Fürstin aus!
Die goldne Zeit wohin ist sie geflohn?
Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt!
Da auf der freien Erde Menschen sich
Wie frohe Herden im Genuß verbreiteten;
Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
Dem Hirten und derHirtin Schatten gab,
und jüngeres Gebüsch die zarten Zweige
Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
Wo klar und still auf immer reinem Sande
Der weiche Fluß die Nymphe sanft umfing;
Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
Unschädlich sich verlor, der kühne Faun
Vom tapfern Jüngling bald bestraft entfloh;
Wo jeder Vogel in der freien Luft
Und jedes Tier, durch Berg und Täler schweifend
Zum Menschen sprach: Erlaubt ist was gefällt.

PRINZESSIN:

Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei:
Allein die Guten bringen sie zurück;
Und soll ich dir gestehen wie ich denke,
Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
Zu Schmeicheln pflegt, die schöne zeit, sie war,
So scheint es mir, so wenig als sie ist,
Und war sie je, so war sie nur gewiß,
Wie sie uns immer wieder werden kann.
Noch treffen sich verwandte Herzen an
Und teilen den Genuß der schönen Welt;
Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,
Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.

(Goethe, Torquato Tasso, 1807. Zweiter Ak, Erster Auftritt, Prinzessin)

Ihr Lieben,
wie schon geschrieben, will ich initiieren, dass an jedem Freitag/für jeden Freitag anstelle der nun erst einmal ausfallenden Kultur-Kirche-Veranstaltungen freitags bei uns im oberharz eine Rundmail an alle Interessierten mit kleinen Betrachtungen und konkreten Vorschlägen für Lektüre, Sendungen in Fernsehen und Rundfunk oder eben auch virtuellen Konzert-, Theater- und Museumsbesuchen kommt.
Später könnte es dazu dann einen Chatroom geben und einzelne der Empfänger zu Sendern werden. Ich muss das nicht jedes Mal selber machen…
…: uns sind nicht die Hände gebunden. Und in Zeiten wie diesen können wir das Rettende des Glaubens und der Kunst vielleicht besonders intensiv erfahren. Und die Frage danach, was eine angemessene Kultur sein kann, stellt sich uns sehr neu. Und etwas ängstlich und sehr besorgt haben wir nun andererseits vielleicht den langen Atem, der uns hilft diese Fragen fundierter zu beantworten als dies bisher der Fall war.
Sicher bin ich jedenfalls, dass das, was wir gerade erleben, unsere Solidarität und Mitmenschlichkeit über alle Grenzen von Religion, Kultur und Herkunft sowie Beruf nötig und sinnvoll macht. Die Kunst entdeckt in sich vielleicht ganz neu das Heilige und die Religion in sich das alle Geschöpfe verbindende Schöne. Stopp nun aber mit zu großen Worten. Es sind auch stille Zeiten vonnöten.
Heute bekommt Ihr die fünfte Sammelmail.
*Ihr könnt sie gern weiterschicken und mit anderen teilen.
*Wenn Ihr mir mitteilt, dass Ihr diese Mails nicht mehr haben wollt, nehme ich Euch/Sie natürlich aus dem Verteiler heraus.
Ich will versuchen, dass diese Beiträge auch je auf der kirche-kultur-oberharz.de Homepage aktualisiert werden. Die könnt Ihr dann auch nutzen und anderen ans Herz legen. Und natürlich könnt Ihr alle diese Rundbriefe auch für die Gemeindehomepages oder andere Homepages nutzen.
Am vorletzten Freitag bedachten wir den 250. Geburtstag Hölderlins, zu dem ich sonst in Altenau einen meditativen Abendspaziergang gemacht hätte. Es folgten am 27.3. Gedanken zum Maler Caspar David Friedrich. Weiter ging es mit dem Verhältnis von Musik und Stille und der Frage, ob bzw. wie Kultur und Kunst systemrelevant sind.

Für den 10.4. und das Osterwochenende nun einige Gedanken zum Thema
Nostalgie und Utopie und einige Filmvorschläge
Eine Mitveranstalterin unserer Reihe freitags bei uns im oberharz, Petra Dimsat aus Schulenberg, schrieb mir (und sie schickte mir ein illustrierendes Bild und ein Foto ihres Sohnes Jan, die sich beide als Anhänge dieser Mail finden lassen):
Auf meinem Spaziergang mit unserem Hund begegnete mir dieser Tage immer mal wieder ein Schmetterling, ein Zitronenfalter. Er flatterte mit einer Leichtigkeit des Seins in der Sonne und ging eifrig seiner Aufgabe in der Evolution nach. Aber seine Welt ist bedroht, bedroht durch uns Menschen. Wir legen die Worte „Macht euch die Erde untertan“ falsch aus und zerstören unsere Erde durch Roden von Wäldern, Bau von neuem Wohnraum und unserem Wachstum. Das Gleichgewicht der Erde gerät durch uns aus den Fugen. In Zeiten wie diesen stehen wir trotz all unserer Technik und Fähigkeiten der Coronakrise hilflos gegenüber. Was für Katastrophen müssen noch geschehen, damit wir endlich wach werden und lernen mit der Natur zu leben und diese zu erhalten.
Die Erde kann ohne uns bestehen, wir aber nicht ohne sie. Es ist höchste Zeit etwas zu ändern.

Und man könnte nostalgisch werden, …
…wenn man dieser Tage die Nachrichten aus Europa und aller Welt, aus den Krankenhäusern, den Wlendsvierteln, den Großstädten – aus Politik und Wirtschaft verfolgt. Oder eben auch überlegen und diskutieren, was aus der jetzigen Situation zu lernen ist.
Das 1998 in Frankfurt am Main gegründete Zukunftsinstitut stellt auf seiner Homepage 4 Szenarien vor, zu denen die Coronakrise führen könnte:
1. Totale Isolation: Der anfängliche Shutdown wird zur Normalität
2. System-Crash: Die Welt kann dem taumeln nicht mehr entfliehen. Die Fokussierung auf nationale Interessen hat das Vertrauen in globale Zusammenarbeit massiv erschüttert. Die Angst vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen.
3. Neo-Tribes: Die globalisierte Gesellschaft entwickelt sich wieder stärker zu lokalen Strukturen zurück. Wir legen Wert auf regionale Erzeugnisse. Familie und Haus und Hof werden wichtiger. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtig, werden aber nur lokal gedacht und gelebt.
4. Adaption: Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns den Gegebenheiten besser an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst weiter, aber deutlich langsamer. Neue Geschäftsmodelle entstehen, die unabhängiger vom Wachstum sind. Unser Umgang miteinander wird achtsamer und statt immer mehr Profit sind sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen das Ziel.

Apokalypse und Utopie
Aus allzu viel Nostalgie und Rückwärtsgewandtheit (und wir erstarren dann auch wie Lots Weib zur Salzsäule) erwächst nicht selten der Hang zu Endzeitstimmung und apokalyptischen Ängsten. Dabei ist doch die Apokalypse, wie etwa die des Johannes im letzten Buch des NeuenTestaments, nicht nur prophetische Drohrede, sondern auch priesterlicher Zuspruch. So wie die Propheten immer auch von einer möglichen Umkehr wussten, so teilt sie uns mit, dass die Versöhnung mit der Zeit manchmal gerade durch zeitliche Entgrenzung möglich werde, dass Entäußerung bei Gott in eine größere, alles umfangende Liebe münde.
Ernst Bloch, der Philosoph der konkreten Utopien, aus denen er sein Prinzip Hoffnung entwickelte, geht von einem über sich selbst hinausdenkenden Menschen aus, der über Bewusstsein als Überschuss zum Sein verfügt und so soziale, ökonomische und religiöse Utopien entwickelt – auch und gerade in der Kunst -, die wiederum den emotionalen, kulturellen, mentalen und sozialen Untergrund jeder Gesellschaft bilden. Das Seiende ist von einem Bedeutungshof noch unrealisierter Möglichkeiten umgeben, der uns auf den Weg bringt.
Aber radikale Gerichtsansage und gegen allen Augenschein gelebte Hoffnung müssen apokalyptisch bzw. utopisch sein. Nur so ist die Realität des Bösen hinzunehmen, ohne sie als unhintergehbares Fatum zu begreifen. Und nur so lässt sich ein idealistischer Geschichts- und Gesellschaftsentwurf vermeiden, der seinerseits wieder in neuen Fundamentalismen gefangen ist und sich mit dem im menschlich-allzumenschlich Erreichten und Erreichbaren jemals zufrieden gibt.
Und in Band III seines Hauptwerkes Das Prinzip Hoffnung verortet Bloch die Genesis am Ende und nicht am Anfang. Ich verstehe das auch als ein Plädoyer, dass wir auch jetzt noch und gerade jetzt die Chance haben, in verantworteter Vorläufigkeit, im Sinne eines aufgeklärten und gläubigen Semper reformanda auf eine Welt und ein Universum, auf eine Gesellschaft und Natur hin fortzuschreiten, die wieder paradiesisch sein kann und wird.
(Sybille C. Fritsch-Oppermann, „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“. Biblische Endzeittexte als Herausforderung für aktuelle Theologie und Verkündigung, in: Now Furure, reihe A4, Evangelischer Regionalverband Frankfurt am Main / Schriftereihe Nr. 30: gutleut verlag, Seite 15-21)

Nostalghia – ein Film von Andrei Tarkowski
Diesen Film habe ich zum ersten Mal in den 80ger Jahren im Frankfurter Kultkino „Harmonie“ gesehen. Seither hat mich der Film, den wir in der Reihe kirchenkunststückchen kirchemachtsinn II am 31.8. in der Kinonacht der Kulturkirche St. Salvatoris Zellerfeld und im Oberharz zeigten, nicht mehr losgelassen. Die Kirche ist dunkel, vereinzelt Kerzenlicht, hinten noch zur Stärkung aufgebaut Wein und Wasser, Brot und Käse. Hin und wieder geht einer der Zuschauer leise dorthin und holt sich ein Glas Wein oder ein Stück Brot. Klänge von Debussy, Wagner, Beethoven, Verdi und Mussorgski füllen den Raum und knüpfen an die kurze Orgelmeditation zu Beginn des Abends an. Die Leinwand ist vor dem Altar-Tryptichon von Werner Tübke aufgebaut, dieses nimmt den Film quasi in weit geöffnete Arme. Mein Blick schweift in der Kirche umher – und ihre hohen mächtigen Säulen scheinen in die nun auf der Leinwand sichtbar werdenden Säulen einer Klosterruine überzugehen. Dichter können Kirche und Kino, Kirche und Kunst nicht aufeinandertreffen, sich nicht austauschen. Sinnlicher als in diesem Film können Menschen nicht erleben, was es bedeutet, der Heimatlosigkeit entfliehen zu wollen und statt der alten und nicht mehr gewissen eine neue heimat und neue Horizonte zu entdecken…
(Sybille C. Fritsch-Oppermann, „AnGedacht“ im Gemeindebrief 1/(2018)2019 der Region Oberharz)

Nostalghia des russischen Regisseurs Andrej Arsenjewitsch Tarkowski erschien am 2. Juni 1983 in iIalien. Es ist der erste Film, den Tarkowki außerhalb der Sowjetunion drehte.
Sowohl das russische als auch das italienische Nostalghia beziehen sich auf das Verlangen nach einem Ort oder einer Person – nicht wie im Deutschen nach einer Zeit.
Ein Film über die Sehnsucht nach Heimat und über den Traum von einer Fremde, dem keine Realität nahezukommen vermag. Das Ende der Welt wird ebenso thematisiert wie das Reisen und die Liebe unterwegs. Die Welt zu retten, wenn die moderne Zivilisation auf Irrwegen geht, ist einfach und schwer zugleich.

Nostalghia ist hier keine rückwärtsgewandte, romantisierende Innerlichkeit, kein banges sich Verbeißen ins Ich und in die Angst vorm Ich-Verlust, keine Incurvatio in se also. Nicht die Sehnsucht nach dem Kindheits-Neverland, jedenfalls nicht nur.
Die Sehnsucht nach Heimat erinnert viel eher, wem dies denn gefällt, an das, was Christen mit Kreuz und Auferstehung zu Ostern verbinden.

Für den Freitagabend dieser Woche und das lange Osterwochenende
Findet Ihr/finden Sie diesen Film im Free Streaming unter:
https://archive.org
(Wenn man sucht, sicher auch die anderen wunderbaren Filme von Tarkowsky.)

Und für Cineasten und lange Heim-Kino-Kuschel-Rede-Nachdenk-Osternächte:
https://lnkd.in/gspcqCm (zum Mitsingen, Bücher zum Download und vor allem: 1150 Filme!)

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers