Online-Reihe: Teil 7

„Die Corona-Krise steht erst an ihrem Anfang – wie sich unsere Gesellschaft darin verhält und sich das Miteinander entwickelt, können wir nicht vorhersagen – wir können aber über unsere Denkweise nachdenken und diese auf den Prüfstand stellen.“
(https://christophquarch.de/blog/)

Zu diesem Autor beachten Sie auch bitte einen Hinweis am Ende dieses Beitrages.

Ihr Lieben, sehr geehrte Damen und Herren,
wie schon geschrieben, will ich initiieren, dass an jedem Freitag/für jeden Freitag anstelle der nun erst einmal ausfallenden Kultur-Kirche-Veranstaltungen freitags bei uns im oberharz eine Rundmail an alle Interessierten mit kleinen Betrachtungen und konkreten Vorschlägen für Lektüre, Sendungen in Fernsehen und Rundfunk oder eben auch virtuellen Konzert-, Theater- und Museumsbesuchen geht.
Später könnte es dazu dann einen Chatroom geben oder einen Blog oderoderoder – und einzelne der Empfänger zu Sendern werden. Ich muss das nicht jedes Mal selber machen…und habe auch schon einige wunderbare Anmeldungen für die Sendungen 8ff.
Lasst Euch/lassen Sie sich überraschen. Ab Mai/Juni dann u.U. in neuem Format und nur noch ein oder zweimal monatlich – wir sehen das. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass alles, was gut und schön an diesem Versuch ist, auch in Zeiten, in denen unser Leben wieder (fast) normal sein wird, Bestand hat.

In dieser Woche schreibt den Beitrag Manfred Büsing aus Hannover. In der von mir geleiteten Kulturkirche Zellerfeld im Oberharz und im Zusammenhang mit meiner Beauftragung für Tourismus und Kultur, haben wir wiederholt im Oberharz miteinander kooperiert – einige werden sich erinnern oder waren bei den Workshops, Veranstaltungen und Gottesdiensten sogar dabei. Mehr dazu in seinem Beitrag. Unser Netz und die davon ausgehende weitere Vernetzung wachsen und gedeihen. Und ich bin von Herzen froh, Manfred Büsing – ev. Diakon, Seelsorger und Kirchentänzer, wie er selber seinen Beitrag unterschreibt, und den ich beim Tanzen kennenlernte, als wir noch zur Schule gingen – heute mit diesem Beitrag unter uns zu haben.

Heute – einen Tag nach dem Welttag des Tanzes, am Tag der in diesem Jahr ausfallenden Walpurgisfeiern im Harz und einen Tag vor dem internationalen Tag der Arbeit – kommt die siebte Sammelmail. Ich schicke diese Mails natürlich in jeweils anonymisierter Form an die recht großen Verteiler
*Ihr könnt sie weiterhin gern weiterschicken und mit anderen teilen.
*Wenn Ihr mir mitteilt, dass Ihr diese Mails nicht mehr haben wollt, nehme ich Euch/Sie natürlich aus dem Verteiler heraus.
*Auch ein Blick auf die Homepage kirche-kultur-oberharz.de könnte interessant sein.

Für den 1.5. und das Wochenende nun einige Gedanken zum Thema
Zwischen Bergwerk und Hafenkneipe-Zwischen Sehnsucht und Hoffnung
Das Bandoneon als Instrument der Menschen, der Geschichten, der Kulturen
„Diesen Impuls schreibe ich am heutigen Welttag des Tanzes. Seit 1982 wird dieser Tag immer am 29. April gefeiert. Er wurde vom Internationalen Komitee des Tanzes des Inter-nationalen Theaterinstitutes (ITI der Unesco) angeregt. Der Welttanztag würdigt den Tanz als universelle Sprache der Welt. Das Datum wurde auf den Geburtstag des französischen Tänzers und Choreografen Jean-Georges Noverre (1727-1810) gelegt, dem Gründer des modernen Balletts.
Selbst immer wieder neu bewegt von Musik und Tanz, lenke ich an diesem Tag meinen Augenblick auf den Tango Argentino und besonders auf sein Instrument, das Bandoneon.
-Seit dem 30.09.2009 steht der argentinische Tango übrigens auf der UNESCO-Welterbe-Liste, als schützenwertes immaterielles Kulturgut.-

In diesen bewegungsarmen, ja fast erstarrten Zeiten lade ich Sie herzlich ein: Zum Lesen,
Schauen und Hören. Vielleicht ja sogar zum Tanzen? Zumindest zum inneren Bewegt-Sein

Der Kobold deines Klangs, che Bandoneon
des Leids der ander´n sich erbarmt
wenn er schlaftrunken deinen Balg zusammenzieht
und dabei ein verletztes Herz umarmt.

Dein Klang ist wie die Liebe, die nicht kam
der Himmel, den wir einmal uns erträumt
und wie er unterging, der gute Freund
ächzend im Schiffbruch einer Leidenschaft

aus: CHE BANDONEON (Manzi/Troilo – 1948)

Ich glaube, es war zuerst der Klang des Bandoneons, der sich einschmeichelnd in meine Seele spielte. Über 20 Jahre ist das her. Das Tango-Virus hatte mich infiziert. Daraus wurde eine Beziehung, eine Liebe mit allen Höhen und Tiefen. Unzählige Berührungs-punkte mit dem Tango Argentino, seiner Musik, einer Bewegung, seiner Texte.
Entdeckungsreisen im Mikrokosmos bis hin zum Universum. Ortsbegehungen im Konzertsaal, auf dem Parkett bis in die Kirchen hinein. Eine Weltreise in Kulturen und Geschichte. Ja – die Entdeckung einer ganz eigenen Tango-Kultur.
Und immer mittendrin: Das Bandoneon.
Als Vermittler, Aufreger, Tröster. Als Seelsorger und Begleiter. Als Tonträger, Bild, Tanz-theater (Pina Bausch/Bandoneon) und Literatur.

Spannend die zahlreichen Informationen über das Instrument selbst. Es lohnt sich, hier etwas mehr nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bandoneon

Nahezu unbekannt dürfte es sein, dass das Bandoneon eine lange Geschichte in Deutschland hat (lange bevor es zur Berühmtheit in Buenos Aires mit dem Tango kam).
Und noch spezieller in der Verbindung mit der Arbeiterwelt und wiederum noch spezieller im Bergbau. Hier ist in erster Linie das Erzgebirge zu nennen, ebenso das Ruhrgebiet. Auch aus dem (Ost)Harz gibt es Belege. So gab es in Halberstadt zwei Vereine und in Thale gleich fünf Vereinigungen – alle gegründet zwischen 1908 und 1933.
Um 1920 gab es insgesamt ca. 14.000 Spieler in ca. 1000 Vereinen. Die Arbeiterschaft (meist eher links gerichtet) traf sich vorwiegend sonntags zu günstigen Mietpreisen in den Dorfsälen.
So konnte man sich „heimlich“ politisch austauschen, diskutieren und eben musizieren. Ein Ausgleich zum beschwerlichen Arbeitsleben untertage.
Die Mitglieder kamen aus Hammerschmieden, Eisenhütten, aus dem Abbau von Erzvorkommen. Aber auch Maurer, Vor- und Fabrikarbeiter, Fuhrknechte gehörten zur Spielerschaft. Die Arbeitswelt war rau und so erfüllte das gemeinsame Musizieren den Wunsch nach Konzert, Geselligkeit, Tanz und Zerstreuung.
Disziplin und Drang nach Vervollkommnung waren seinerzeit die Leitmotive. Und man wollte zeigen, dass auch Arbeiter zu höherer Musik befähigt waren.
Insgesamt gab es im Vergleich zum Ruhrgebiet im Erzgebirge und in Sachsen doppelt so viele Bandoneonorchester. Mit dem Rückgang des Bergbaus und der Schließung der Zechen lösten sich auch immer mehr Orchester auf. Bekannt ist aktuell nur noch eine Spielvereinigung in Essen
(www.bandonion-freunde.de) und u.a. noch ein Orchester in Halle (www.bandonion-halle.com).

Aktuell gibt es natürlich in der Tango-Musik- und Kulturszene viele Weiterentwicklungen und ausgezeichnete Bandoneon-Solistinnen und
Solisten -sowie neue Ensembles und Kunstformen.

An dieser Stelle möchte ich besonders Jürgen Karthe aus Dresden danken. Er spielt mit Leib und Seele – ebenso forscht er in der Geschichte und hat dazu ein Handbuch veröffentlicht. Einige Informationen in diesem Text hat er mir dafür zur Verfügung gestellt.
(https://www.fermate.cc/juergen-karthe/)

Und gern noch ein weiteres Hör- und Sehbeispiel. Gemeinsam mit Ander Telleria (Spanien) am Bandoneon habe ich in den letzten Jahren immer mal wieder eine Lesung, einen Workshop oder einen tanGOttesdienst gestaltet.

Auf Einladung von und gemeinsam mit Pn. Dr. Sybille Fritsch-Oppermann gab es auch verschiedene Angebote im Harz. U.a. Workshop und Andacht in Lautenthal und zwei tanGOttesdienste in der Kulturkirche Zellerfeld und in der Stabkirche Hahnenklee. Hier war Sabina Richter aus Hannoversch-Münden am Bandoneon zu hören und zu erleben.
Ein Workshop im Hahnenkleer Kurhaus schlug eine Brücke zwischen Erde und Himmel.

Der Tango hat so viele Facetten, dass es sicher lohnt – grad jetzt in den „Corona-Zeiten“ – sich auf eine eigene Entdeckungsreise zu begeben. Über google, wikipedia und youtube wird man vieles entdecken. Vielleicht wird ja ein eigener Tanz daraus – zumindest in Gedanken und Gefühlen.

Die holländische Theologin Hedwig Meyer-Wilmes endet Ihre Betrachtungen über eine Erinnerungskultur in Verbindung mit Tango (Tango con Pasión) so:
Im Tango lebt, über die Musik hinaus, die Erinnerung an die eigenen Wurzeln. Man hat keinen vorgeschriebenen Mittelpunkt mehr. Das Gefühl zu schweben, sich durch den Strom der Mittanzenden mitreißen zu lassen, vermindert sich beim Tanzen, weil man seine eigene Achse fühlen muss.
Tango ist ein Versuch, Leidenserinnerungen einzudämmen. Leiden ist nicht immer besprechbar und selbst, wenn man im Stande ist, darüber zu sprechen, ist es noch nicht verschwunden. Man tanzt aber die traurigen Gedanken weg.
Der Tango wird in schäbigen Hinterhaussalons getanzt, im Zwischenraum von Nacht und Tag. Tango ist getanzte Erinnerung, ist Hingabe. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Das Bandoneon – auch in Verbindung mit dem (Harzer) Bergbau – hat diese Impulse und Gedankenfragmente anklingen lassen. Vielleicht wird ein neues Kulturprojekt draus?!
Jedenfalls freue ich mich über Ihre Resonanzen zu diesem Beitrag.

Muchas gracias y a dios

Manfred Büsing – ev. Diakon, Seelsorger und Kirchentänzer / Hannover
spiriTango und tanGOttesdienst 0177 – 280 17 40 / spiritango@gmx.de

Für den Freitagabend dieser Wochenende
Hat Ihnen/Euch Manfred Büsing einiges an die Hand gegeben.

Und für Bücherwürmer lege ich heute besonders ans Herz:
https://christophquarch.de/blog/
Christoph Quarch kenne ich aus Kirchentagszusammenhängen. Seit langem jedoch wirkt er freiberuflich. Vor kurzem sind zwei Bücher neu erschienen, eines mit 15 Thesen zur Coronakrise und eines zu Hölderlin (mit dem und zu dessen Geburtstag wir dieses „Freitags-Projekt“ begonnen haben).
Wer seine Bücher bestellt und liest, tut sich und auch den Buchhandlungen und kleineren feinen Verlägen etwas Gutes.
NEUSTART regt dazu an, schon heute über das Morgen nachzudenken.
Broschüre 72 Seiten | legendaQ | € 9,90 | ISBN-13: 978–3 948206–04 8
Bei Legenda Q kaufen

Mein Hölderlin-Buch: »Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen« trägt wohl den Titel, den wir alle in der Corona-Pandemie durchstehen…
Gebundene Ausgabe | 180 Seiten legendaQ | € 16,90
ISBN-13: 978–3948206031

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers