Online-Reihe: Teil 8

„Die Schönheit des Lebens soll er nicht räuberisch und hedonistisch genießen, sondern dankbar genießen und sich dadurch zur Schonung der Welt herausrufen lassen. Das Schöne ist zwar, nach Rilke, „nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“ (Erste Duineser Elegie). Aber das Schöne ist andererseits auch sehr fragil und wehrlos. Daher bedarf es eines schonenden Verhaltens. Im Verhältnis von Schönheit und Schonung kommt es zur überraschenden Überblendung und zum Chiasmus von Ästhetik und Ethik. Eine Haltung, die wir von Künstlern lernen können und die wir einüben sollten.“
(Armin Münch)

Ihr Lieben, sehr geehrte Damen und Herren,
In dieser Woche schreibt den Beitrag Pfarrer Dr. Armin Münch. Als Pfarrer der Württembergischen Landeskirche ist er derzeit als Lehrer an einer Berufsschule tätig. Er promovierte 1998 in Heidelberg über den christlich-buddhistischen Dialog und ist Mitglied in der „Gesellschaft der Freunde christlicher Mystik e. V.“
Ich kenne Armin Münch schon sehr lange. Uns beide verbindet das Interesse an der Mystik, am buddhistisch-christlichen Dialog und das Nachdenken über das Verhältnis von Kunst und Religion. Zuletzt haben wir uns auf einer Tagung des enbcs (European Network of Buddhist-Christian Studies) getroffen, in dessen Vorstand ich bin.
Sein heutiger Essay geht zurück auf seinen Vortrag in einer Tagung der Ev. Akademie Bad Boll.
Hier also die achte Sammelmail über das Essen. Essen als natürliches und als kulturelles Bedürfnis und Geschehen. Über die Nähe und die Analogien von Essen und Abendmahl, Essen und Ästhetik und Mystik. Aber lesen Sie/lest selbst!
Ich schicke diese Mails natürlich in jeweils anonymisierter Form an die recht großen Verteiler
*Ihr könnt sie weiterhin gern weiterschicken und mit anderen teilen.
*Wenn Ihr mir mitteilt, dass Ihr diese Mails nicht mehr haben wollt, nehme ich Euch/Sie natürlich aus dem Verteiler heraus.
*Auch ein Blick auf die Homepage kirche-kultur-oberharz.de könnte interessant sein.

Für den 8.5. und das Wochenende nun einige Gedanken zum Thema ESSEN
Essen ist ein gewichtiges Thema in der Bibel. Etwa 400 Stellen lassen sich in der Konkordanz dazu finden.
Es beginnt ja gleich mit Genesis 2,9 mit den Bäumen im Garten Eden, die „verlockend anzusehen waren und gut zu essen.“
Und es endet mit der Vision von einer neuen Schöpfung (Apokalypse 21), die bereits beim Propheten Jesaja 65 so beschrieben wird, dass dort Wolf und Schaf friedlich beieinander weiden werden und der Löwe Stroh fressen wird wie das Rind.

Dazwischen gibt es viele, viele Geschichten ums Essen: Das Brot der Eile, die Mazzen. Die Fleischtöpfe Ägyptens. Das Manna und die Wachteln in der Wüste. Die Verköstigung der 3 Engel durch Abraham. Das Linsengericht Jakobs. Die Speisegesetze im Buch Levitikus, die Kaschrut.

Ich überspringe diese gänzlich unvollständige Aufzählung gleich zum Neuen Testament: Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern, sicherlich ein Passa-Mahl.
Die Versuchung Jesu durch den Teufel und seine Antwort, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. (Mt 4,4; Dtn 8,3) Die Speise-Wunder. Die Selbstbezeichnung Jesu als „Brot des Lebens“, im Johannes-Evangelium. Usw.

Wenn wir die Geschichte des Lebens anschauen, dann gab es in der Frühzeit einmal den evolutionären Schritt, dass sich Lebewesen entwickelt haben, die sich nicht direkt vom Sonnenlicht und der Erde ernähren, wie die Pflanzen, sondern durch Einverleibung anderer Lebewesen. Das Fressen und Gefressenwerden ist seitdem ein Grundprinzip tierischen Lebens. Und auch des menschlichen.

In dem Film „2001. Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968 wird dies eindrucksvoll dargestellt. Die Entdeckung der Werkzeuge und zeitgleich der Waffen führten zum Töten von Tieren (und Menschen) und dem Essen von Fleisch und diese Protein-Aufnahme gab einen kulturellen Schub, dargestellt durch den hochgeschleuderten Knochen / Prügel, der im spektakulärsten aller Film-Schnitte dann zum Raumschiff wird.

Essen als ein Stück Natur innnerhalb der Kultur begleitet die Menschheit von den allerersten Anfängen. Und die Spannbreite reicht vom Hungertod in Zeiten von Mangel bis zur Dekadenz römischer Gelage, wo das Essen wieder herausgekitzelt wurde, um noch mehr und anderes zu essen. Sozusagen Zaunköniglebern und Otternnasen, wie es im Monty Python-Film „Das Leben des Brian“ parodiert wird.

In der Geistesgeschichte finden wir die Extreme Genuss, wie ihn die Epikureer empfahlen, bis zu radikal asketischen Phänomenen wie die Katharer in Südfrankreich, die alles Fleischliche, letztlich auch den Sex, ablehnten. Oder denken wir an den Hungerkünstler Franz Kafkas.

In der Kirchengeschichte wird von Asketen und Einsiedlern berichtet, die jahrzehntelang von nichts als der täglichen eucharistischen Hostie gelebt haben sollen.

In jüngster Zeit gibt es Berichte und auch Filme über so genannte Lichtnahrung, also Menschen, die nur trinken, und gar nichts essen; die sich angeblich von Licht ernähren. Ein oft tödliches Experiment.

Man sieht, Essen ist ein großes Thema. Und momentan sowieso. Nahrungsratschläge und Diäten haben manchmal fast den Rang von Ideologien oder Ersatzreligionen. Es ist fast schon zwanghaft, wie oft man – beim Essen – das Essen thematisiert. Ob man z. B. Fleisch essen dürfe, aus ethischer oder religiöser Sicht. Richtiges Essen als Weltanschauung.

Der Spruch „Der Mensch ist, was er isst“ ist ja wesentlich mehr als ein Kalauer und Wortspiel. Der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) hat damit etwas Epochales auf den Punkt gebracht. Nämlich, dass es sehr wohl auf die materiellen Grundlagen des Menschen ankommt. Auf die hardware.

„Wollt ihr das Volk bessern, so gebt ihm statt Deklamationen gegen die Sünde bessere Speisen. Der Mensch ist, was er isst.“ (Aus: Ludwig Feuerbach: Die Naturwissenschaft und die Revolution, in: Ders.: Anthropologischer Materialismus. Ausgewählte Schriften II, Frankfurt 1985, S. 229.)

Die Epoche vor ihm, der Idealismus, angefangen von Kant über Fichte bis Hegel, hat den Menschen vor allem als Geist-Wesen betrachtet und hat dabei das Körperliche stark vernachlässigt. Das hat dann die Generation, die mit Feuerbach begann, bis hin zu Marx, zu Kierkegaard und Nietzsche, anders gesehen. Bis hin zum vulgären „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper von 1928.

Weiter Feuerbach: „Essen und Trinken ist das Mysterium des Abendmahls – Essen und Trinken ist in der Tat an und für sich selbst ein religiöser Akt; soll es wenigstens sein.
Denke daher bei jedem Bissen Brot, der dich von der Qual des Hungers erlöst, bei jedem Schlucke Wein, der dein Herz erfreut, an den Gott, der dir diese wohltätigen Gaben gespendet – an den Menschen! Aber vergiß nicht über der Dankbarkeit gegen den Menschen die Dankbarkeit gegen die Natur! Vergiß nicht, daß der Wein das Blut der Pflanze und das Mehl das Fleisch der Pflanze ist, welches dem Wohle deiner Existenz geopfert wird. Vergiß nicht, daß die Pflanze dir das Wesen der Natur versinnbildlicht, die sich selbstlos dir zum Genusse hingibt. …
Heilig sei uns darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen.“ (Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums, S. 409f., Schlussabschnitt).

Essen ist also nicht nur ein physiologischer Vorgang der Energie-Aufnahme. Es ist auch ein spiritueller Akt. Und sollte als solcher wahrgenommen werden. Das hätte gewiss Auswirkungen auf unser Ess-Verhalten.

Ist es nicht auffallend, dass der Beginn der eigentlichen Menschwerdung – im Sinne der Autonomie, dem Bewusstsein seiner selbst – mit dem Sündenfall beginnt und das dieser mit dem Übertreten eines göttlichen Nahrungs-Verbots, dem Ignorieren eines Tabus, zusammenhängt?

Es heißt: Du darfst alles essen. Aber vom Baum der Erkenntnis sollst Du nicht essen. (Gen 3, 1-12) Was ist dieser mitten im Garten stehende „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“? (Gen 2, 9 und 17) Was hat Essen mit Bewusstwerden zu tun? Was bedeutet Essen als Einverleibung, als Verinnerlichung von Fremdem, eigentlich, theologisch, philosophisch, ethisch?

Der freie Philosoph und Schriftsteller Harald Lemke hat es so ausgedrückt:
„Um den nutritiven Schuldzusammenhang kommen wir nicht herum: Wir müssen anderes Leben töten, um selber leben zu können.“ (Aus: Harald Lemke. Interview NZZ, vom 24. 7. 2018, Internet, homepage des Autors)
Essen ist grundsäzlich mit der Vernichtung von Lebendigem verbunden, sei es eine Pflanze oder ein Tier. Und bedeutet somit Schuld.

Eine herausragende Stimme im Zusammenhang mit Essen und Philosophie ist das Werk der französischen Mystikerin Simone Weil (1909-1943)

Sie ist in eine jüdische, nicht religiöse Familie 1909 in Paris geboren. Die Vorfahren stammen aus dem Elsass und aus Russland. Das kränkliche Mädchen ist hochbegabt und studiert nach dem Abitur Philosophie. Früh schon engagiert sie sich in linken Gewerkschaftskreisen. Ab 1930 leidet sie an heftigen Kopfschmerzen, die sie ihr Leben lang nicht mehr los wird.

Ende der 30er Jahre hat sie so etwas wie erste mystische Erlebnisse. Hat auch Kontakt zu führenden katholischen Intellektuellen. Ist sehr interessiert am Christentum, kennt die Bibel sehr gut. Sie ist fasziniert von Christus, vom Kreuz. Im Sommer 1942 reist Simone mit dem Schiff nach Amerika und übergibt ihre Tagebücher dem Philosophen Gustave Thibon, einem Freund Perrins, der Teile davon 1947 herausgibt unter dem Titel „Schwerkraft und Gnade“. Schon im November 1942 fährt sie zurück, diesmal nach England. Sie möchte eine Truppe von Krankenschwestern gründen, die an vorderster Front in Frankreich Hilfsdienste leisten für Soldaten, die gegen Hitler-Deutschland kämpfen, Dieses Vorhaben wird ihr versagt.
Mitte April 1943 kommt sie in ein Krankenhaus in London. Am 24. August 1943 stirbt sie in einem Sanatorium in Ashford in der Nähe von London. Als Todesursache wird Herzversagen wegen Mangelernährung und Lungentuberkulose angegeben. Sie wurde 34 Jahre alt. Manche behaupten, sie hätte Selbstmord begangen durch Nahrungsverweigerung. Das letzte Wort ihrer Tagbücher lautet: „Nurses“. Das englische Wort für Krankenschwester, was wörtlich „Säugende“, Ernährende“, „Fütternde“ bedeutet. Es kommt vom Lateinischen nutrix, Verb: nutrire, was „Säugen, Stillen“ bedeutet.

Hier eine provozierende Spitzen-Aussage Simone Weils:

„Die Quelle der moralischen Energie liegt für den Menschen außerhalb seiner selbst, ebenso wie die der physischen Energie (Nahrung, Atmung). Im allgemeinen findet er sie auch, und deshalb unterliegt er – wie im physischen Bereich – der Täuschung, sein Wesen trage das Prinzip der Erhaltung in sich. Nur die Entbehrung macht das Bedürfnis spürbar. Und im Falle der Entbehrung kann der Mensch nicht anders, als sich IRGEND ETWAS Eßbarem zuzuwenden.
Dagegen gibt es nur ein Mittel: ein Chlorophyll, das es erlauben würde, sich von Licht zu ernähren.
Nicht richten. Jede Schuld wiegt gleich viel. Es gibt nur eine Schuld: nicht die Fähigkeit zu besitzen, sich von Licht zu ernähren. Denn da diese Fähigkeit fehlt, ist jede Schuld möglich und keine ist vermeidbar.
‚Meine Nahrung ist es, den Willen dessen zu tun, der mich schickt.’ (Joh 4,34)
Kein anderes Gut als diese Fähigkeit.“
….
„Katholische Kommunion. Gott ist nicht nur einmal Fleisch geworden, sondern er materialisiert sich jeden Tag, um sich dem Menschen zu geben und von ihm verzehrt zu werden. Umgekehrt wird der Mensch durch Müdigkeit, Unglück, Tod zu Materie und von Gott verzehrt. Wie kann man diese Wechselseitigkeit zurückweisen?
(In der Form des Korns essen wir die Sonne und zugleich den menschlichen Geist.)
Der Regen, Opfer des wahrhaftigen Soma durch die Götter, geht in die Nahrung ein; so sind die Gottheit und der Mensch täglich durch ein wechselseitiges Opfer miteinander verbunden. (Upanishaden).
Wenn die Menschen die Ermüdung durch die Arbeit und das Leben unablässig als etwas der Kommunion Gleichwertiges empfinden könnten …“

Was für eine Aussage: „Es gibt nur eine Schuld: nicht die Fähigkeit zu besitzen, sich von Licht zu ernähren.“ Und weiter:
„Der ewige Teil der Seele ernährt sich von Hunger.
Wenn man nicht ißt, verdaut der Organismus sein eigenes Fleisch und wandelt es in Energie um. Genauso die Seele. Die Seele, die nicht ißt, verdaut sich selbst. Der ewige Teil verdaut den sterblichen Teil der Seele und wandelt ihn um.
Der Hunger der Seele ist schwer zu ertragen, aber es gibt kein andres Mittel gegen die Krankheit.
Den vergänglichen Teil der Seele verhungern lassen, während der Körper noch lebendig ist. Auf diese Weise geht ein Körper aus Fleisch direkt in den Dienst Gottes über.“

Gewiss wird man nicht ausblenden können, dass Simone Weil am Ende die Nahrung verweigert hat. Aber man kann das nicht einfach als Ess-Störung abtun. Sie hat sich im wahrsten Sinne aufgezehrt für ihre Menschen- und Gottes-Liebe.

Wir sind hier auf einer Spur, die bis weit in das Mittelalter und die Spätantike zurückreicht.

Von dem Straßburger Dominikaner Johannes Tauler (1300-1361) gibt es eine Predigt (Predigt 30), die anschlussfähig ist an die Aussagen Simone Weils vom Sich-Verzehren.

„Denn er ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde; aber das war ihm nicht genug: er wollte (sogar) unsere Speise werden. … Wir essen unseren Gott.“

„Nun wollen wir von leiblicher Speise reden: das klingt nicht wohl angemessen, dient (aber) unserem Verständnis. Sankt Bernhard sagt: ‚Wenn wir diese Speise essen, werden wir gegessen.’“

Dann ein weiteres Zitat Bernhards:
„Wenn wir Gott essen, so werden wir von ihm gegessen. Er zehrt uns auf.“

„Wann zehrt er uns auf? Das tut er, wenn er in uns unsere Fehler straft, unsere inneren Augen öffnet und uns unsere Gebrechen erkennen lässt. Gott (nämlich) ißt uns, beißt und zerkaut uns, wenn er unser Gewissen zurechtweist.“

„Dann verschlingt dich Gott. Wenn die Speise gut gekaut ist, so geht sie sanft ein und sinkt so in den Magen. Ebenso gehst du sanft in Gott ein, wenn du im Gewissen gut zerkaut bist und doch mit einer liebevollen und göttlichen Hoffnung dich unserem Herrn überläßt. … Die (irdische) Speise gelangt in den Magen, der sie erhitzt und verdaut, und sie läuft durch die Adern in alle Glieder. Ebenso wenn wir uns (vor Einnahme) dieser göttlichen Speise geprüft haben und wir sie ehrwürdig und würdig in uns aufnehmen, dann ißt Jesus uns, und wir werden von ihm verschlungen, gekocht und aufgelöst. Das geschieht, wenn wir uns von aller Selbstigkeit befreit haben und ganz zunichte werden. Denn je mehr die Speise aufgelöst wird, um so mehr wird sie in sich selber zunichte, sich selber um so fremder und unähnlicher.
So wirst du erkennen, daß Gott dich gegessen und verschlungen habe, wenn du dich in ihm und er sich in dir findet, wenn du dich nirgendwo anders findest und nichts anderes in dir (als Gott). Sagt er doch: „Wer mein Fleisch ißt, bleibt in mir und ich in ihm.“ Willst du also von ihm aufgelöst und gekocht werden, so mußt du deines eigenen Selbst zunichte werden und frei werden des alten Menschen (in dir). Denn soll Speise in die menschliche Natur umgesetzt werden, so muß sie von Not sich ihres eigenen Wesens entäußern. Jegliches Ding, das werden soll, was es nicht ist, muß sich ganz des Wesens entäußern, das es besitzt. Soll Holz zu Feuer werden, so muß es zuvor frei werden von dem, was es zum Holz macht.
Willst du in Gott umgewandelt werden, so mußt du dich deines Selbst entäußern. (Denn) unser Herr sagt: „Wer mich ißt, lebt durch mich.“ Um dahin zu gelangen, ist dir nichts nutzbringender, als zu dem ehrwürdigen Sakramente zu gehen. Denn das macht dich ganz frei von dir selbst, (und zwar) in solchem Maß, daß der alte Mensch in dir ganz zunichte wird, innerlich und äußerlich. Ebenso wie die (menschliche) Natur verwandelt, auflöst und durch die Adern die Kraft der (eingenommenen) Speise laufen läßt, derart, daß sie ein Leben und ein Wesen mit dem Menschen wird, so befreit dich die göttliche Speise ganz deines Selbsts.
Daran wirst du erkennen, in dir selbst, wie du diese Speise aufgenommen hast, wenn dein Herz sich von allem, was Gott nicht ist, mehr befreit hat und wenn das Leben, das er in dir erweckt hat, durch deine Adern wirkt an deinem äußeren Menschen, deinen Sinnen und Sitten, deinem Wandel, deinen Worten und Werken. Das heilige Sakrament verzehrt und löst auf alles Schlechte, Unnütze und Überflüssige, wirft es aus und hinweg, und Gott geht (in den Menschen) ein, und sobald er mit dieser Speise in den Menschen gekommen ist, so wirkt sich das in jeder Äußerung des Lebens aus, in der Liebe, der Gesinnung, den Gedanken, derart, daß alles neuer, lauterer und göttlicher wird. Dieses Sakrament vertreibt die Verblendung und läßt den Menschen sich selber erkennen, lehrt ihn, sich von sich selbst abzukehren und von allen Geschöpfen. Denn es steht geschrieben: „Er hat uns genährt mit dem Brot des Lebens und der Einsicht“ (Eccl. 15, 5). Diese Speise wandelt den Menschen derart in ihr eigenes Wesen um, daß des Menschen ganzes Leben von Gott Regel und Form empfängt, sofern diese Speise ihn geleitet und ihn umgeformt hat.“

Nicht wir brechen das Brot – das Brot (Christus) bricht uns! Vielleicht können wir diese zunächst so disparaten, nicht zusammen gehörigen und doch einander so nahen Gedanken ganz vorsichtig zusammenfassen und fokussieren auf ein Gemeinsames, was sie andeuten. Der Weltbezug des Menschen kann nicht in einem technischen Zugriff als Bemächtigung und Herrschaft bestehen. Das wäre ein fatales, tödliches Missverständnis dessen, was Leben bedeutet. Der Mensch soll vielmehr in Wechselwirkung, in liebender Hingabe an die Welt, leben. In einem Verhältnis des Chiasmus, der gegenseitigen Durchdringung.

Die Schönheit des Lebens soll er nicht räuberisch und hedonistisch genießen, sondern dankbar genießen und sich dadurch zur Schonung der Welt herausrufen lassen. Das Schöne ist zwar, nach Rilke, „nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“ (Erste Duineser Elegie). Aber das Schöne ist andererseits auch sehr fragil und wehrlos. Daher bedarf es eines schonenden Verhaltens. Im Verhältnis von Schönheit und Schonung kommt es zur überraschenden Überblendung und zum Chiasmus von Ästhetik und Ethik. Eine Haltung, die wir von Künstlern lernen können und die wir einüben sollten.

Auch der Kirchenvater Augustinus (354 – 430) dachte über das Essen nach. Er sagte in einer Predigt:

„Wir sind, was wir (im Abendmahl) empfangen. Erinnern wir uns, dass dieses Korn einst im Acker lag: die Erde hat es geboren, der Regen hat es genährt und die Ähre reifen lassen, die Arbeit der Menschen brachte es auf die Tenne, drosch es, lüftete es, lagerte es wieder in den Speichern, holte es wieder hervor, mahlte es, hat es geknetet und gebacken und nun ist es Brot geworden. Denkt daran – so auch Ihr! … Während des Katechumenats wart Ihr wie Korn im Speicher. Ihr habt Eure Namen eingetragen, um zwischen die Mühlsteine von Fasten und Exorzismen geworfen zu werden. Dann gelangtet Ihr ans Taufbecken und wurdet benetzt und zu einem einzigen Teig gemacht, durch das Feuer des Heiligen Geistes wurdet Ihr gebacken und seid Brot des Herrn geworden.“
(Augustinus, Sermon 229)

Dazu Anselm Schubert: „Die Hostie (lat. Opfer) war sozusagen nur noch die Verkörperung der Idee von Brot.“

Verinnerlicht werden sollte, zeitgleich und zusammen mit dem Essen, nunmehr die Idee, das Prinzip, das abstrakte Wesen von Christus, der ja metaphorisch als „Brot“ bezeichnet werden konnte, nämlich: Hingabe, Kenosis, Selbstlosigkeit, Aufopferung für andere. Das sollte uns in Fleisch und Blut übergehen. Diese „Idee“ sollte individuell derart angeeignet werden, dass das eigene Leben transformiert (transsubstanzialisiert) werden sollte in: Hingabe. In Liebe. In Agape. Wir sollten zu Christen, ja, zu Christus werden. Nährendes, hingebungsvolles, sich verzehrendes Leben.

Wir sehen also: Essen ist mehr als Sättigung. Essen ist auch ein spiritueller Vorgang. Sollte es jedenfalls sein.
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Literatur:
*Schmidt-Leukel, Perry (Hg.): Die Religionen und das Essen, München (Diederichs) 2000.

* Lintner, Martin H.: Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Fragen im Umgang mit Tieren, Innsbruck (Tyrolia) 2017.

* Meyer, Anne-Rose; Kashiwagi-Wetzel, Kikuko (Hg.): Theorien des Essens, Suhrkamp TB 2017.

* Ott, Christine: Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur, Fischer Wissenschaft 2017.

* Barlösius, Eva: Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung, Beltz Juventa, 2016, 3. Aufl. (Erste Auflage 1999).

* Schubert, Anselm: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls, München (Beck) 2018.

* Lemke, Harald: Ethik des Essens. Einführung in die Gastrosophie, Bielefeld (transcript) 2016, 588 S. (Neuausgabe)

* Lemke, Harald: Über das Essen. Philosophische Erkundungen, München (Fink) 2014.

* Schivelbusch, Wolfgang: Das verzehrende Leben der Dinge. Versuch über die Konsumtion, München (Hanser) 2015.

Für den Freitagabend dieser Wochenende
Haben Sie /habt Ihr außer diesem ungeheuer breit aufgestellten Essay durch die Literaturangaben am Ende viele Empfehlungen zum Weiterlesen.

Noch ein Hinweis:
Besorgt euch dieses Buch doch gerne über eure Buchhändler vor Ort – viele haben auch einen Online-Service.

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers