Online-Reihe: Teil 9

„Wer einmal einen Aal sterben und dann wieder leben sehen hat, dem reicht das rationale Denken nicht mehr aus. Man kann fast alles erklären, man kann über die verschiedenen Prozesse der Sauerstoffversetzung und des Stoffwechsels diskutieren oder über die schützenden Sekrete des Aals und seine besonders angepassten Kiemen. Aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich bin Zeuge. Ein Aal kann sterben und dann wieder leben.“
(Patrik Svensson: „Das Evangelium der Aale“. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser Verlag, München 2020, 256 Seiten, 22 Euro – siehe dazu den Hinweis zur Verlinkung am Ende dieses Beitrags)

Ihr Lieben,
seit 9 Wochen erreicht Sie/Euch an (fast) jedem Freitag (und manchmal etwas später) anstelle der nun erst einmal ausfallenden Kultur-Kirche-Veranstaltungen freitags bei uns im oberharz eine Rundmail an alle Interessierten mit kleinen Betrachtungen und konkreten Vorschlägen für Lektüre, Sendungen in Fernsehen und Rundfunk oder eben auch virtuellen Konzert-, Theater- und Museumsbesuchen.
Später könnte es dazu dann einen Chatroom geben oder einen Blog oderoderoder – und einzelne der Empfänger zu Sendern werden. Ich muss das nicht jedes Mal selber machen…und wir hatten auch schon wunderbare Verlinkungen mit dem Europahaus Burgenland und Beiträge von Manfred Büsing und Armin Münch. Weitere sind angekündigt. Und heute verlinken wir uns mit dem Haus kirchlicher Dienste in Hannover und dessen Arbeitsfeld Kunst und Kultur.
Ab Juni dann noch ein oder zweimal monatlich – und ab Juli oder August ergänzt um ein weiteres virtuelles Format!
Ich würde mir wünschen, dass alles, was gut und schön an diesem Versuch ist, auch in Zeiten, in denen unser Leben wieder (fast) normal sein wird, Bestand hat.

Diese Rundsendungen gehen inzwischen an ca 300 Personen und Institutionen im deutschsprachigen Raum – die sich melden und mir schreiben, dass sie sie gerne weitergeben. Danke! Wir in der Region Oberharz und im Kirchenkreis Harzer Land vernetzen uns auf diese Weise – und freuen uns besonders über den Kontakt mit anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Die von mir geleitete Kulturkirche Zellerfeld im Oberharz präsentiert ja nicht nur Kunst und Künste, vielmehr fragt sie auch was angemessene Kultur sein kann und wie Kunst in sich vielleicht ganz neu das Heilige und die Religion in sich das alle Geschöpfe verbindende Schöne entdecken: Krise als Chance – auf ein Neues!
Ich schicke diese Mails natürlich in jeweils anonymisierter Form an die recht großen Verteiler
*Ihr könnt sie weiterhin gern weiterschicken und mit anderen teilen.
*Wenn Ihr mir mitteilt, dass Ihr diese Mails nicht mehr haben wollt, nehme ich Euch/Sie natürlich aus dem Verteiler heraus.
*Alle bisherigen Beiträge finden sich auf unserer Homepage: https://kirche-kultur-oberharz.de/tourismus-kultur.
Wir bauen sie gerade um und aus, und ab Juni wird sie sich auch in den anderen Rubriken wieder füllen.
Für den 17.5.2020 und das Wochenende nun einige Gedanken zum Thema
Chancen für die globale Welt?
Ganz am Anfang des sogenannten „Lock-Downs“ hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Kollegen Depker, der sich auf einem eigenen You-tube-Kanal inzwischen täglich mit GeDanken und AnDachten in Krisenzeit meldet.
Und er war wohl einer der ersten, die die Frage stellten, um wie viel mehr diese Pandemie sich in ihren negativen Auswirkungen in den ärmeren Ländern dieser Welt, in den Krisenregionen und von Kriegen und Naturkatastrophen oft bereits mehrfach betroffenen Gebieten zeigen würde.
Inzwischen können wir nachverfolgen, in welchem Maße er recht hatte.

Wir haben in den bisherigen Rundschreiben über das Verhältnis von Natur und Kultur nachgedacht, über das Zusammenspiel von Kunst und Religion auch. Aber wie ist es mit Kultur in der Globalisierung? Oder sollte ich besser von „Globalisierungskultur“ sprechen? Und in der Tat bezieht ein weiter Kulturbegriff ja auch jene gesellschaftlichen Systeme ein, die sich u.a. um Recht, um Ökonomie, um Politik und eben auch Religion und Kultur im engeren Sinne gruppieren.
(Und da sage noch einer, Kulturkirche hätte nur mit Kunst und nicht auch mit Politik zu tun!)

Sicher ist, dass global und in allen Ländern die Wirtschaft massiv einbricht. Aber wird dies zu größerer Solidarität oder zu noch größerer Ungleichheit führen? Die Bemühungen, die einheimische Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, werden sie erneut oder sogar mehr noch als zuvor die Künste und die Künstler außer Acht lassen? Die Bestrebungen internationale wirtschaftliche Abhängigkeiten dadurch zu minimieren, dass wieder mehr auf einheimische Produktion gesetzt wird, sind sie sinnvoll und realistisch in einer sich stetig mehr globalisierenden Welt? Auf wessen Kosten würde so eine Rückbesinnung auf innernationale Produktionsketten schließlich gehen? Und wie soll Export angekurbelt werden, wenn der Import unterbleibt?
Ach Europa – wirst Du diesen Härtetest bestehen? Wir haben ja immer versucht, Dir „eine Seele zu geben“ – sogar mit speziellen Förderprogrammen. Findest Du sie (wieder)? Oder verkaufst Du sie an Sanofi?
Besser, verkaufen die neu aufblühenden nationalen Eigeninteressen und die jeweiligen regionalen Nabelschauen und Ambitionen einzelner Karriereristen Europas Seele an den meist bietenden Stier?
Wird die Schere zwischen arm und reich in unserem Land wieder wachsen?
Werden wir die Zwei-Drittel-Welt aus den Augen verlieren? Und uns dann die Augen reiben, wenn sie vor unserer Türe steht?

Und was ist mit den verheerenden Eigeninteressen nicht nur von Staaten und Oligarchien, sondern auch von global agierenden NGOs?

Zu einer globalen Kultur – gehört da nicht eine Freundschaft zwischen Vernunft und Moral? Und sind die Künste nicht immer klügsten, die schönsten und die besten Übermittler solcher Fragen gewesen?

Eine Stimme aus dem Norden:
Covid-19. Warum Corona für arme Länder besonders gefährlich ist.
Corona bedroht Entwicklungsländer
Die Corona-Pandemie hat Deutschland erfasst und breitet sich in der ganzen Welt aus. Die bisher geringen Infektionszahlen in Entwicklungsländern könnten damit zusammenhängen, dass es bisher wenige Testmöglichkeiten gibt. Die Gefahr einer ungehemmten Ausbreitung ist in armen Ländern besonders groß, wenn die internationale Gemeinschaft nicht zusammenhält.

„Die Gefahren durch Covid-19 sind für jene Menschen besonders groß, die besonders schlecht geschützt sind.“
(Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin Brot für die Welt)

Wenig Geld heißt wenig Schutz vor Covid-19
Die Pandemie bedroht besonders Afrika, aus mehreren Gründen. Zuerst wegen des starken Flugverkehrs und der engen Handelsbeziehungen zu China und dem Rest der Welt. Dann haben die meisten afrikanischen Staaten ein schwaches Gesundheitssystem, zu wenig Laborkapazitäten, zu wenig Gesundheitspersonal und vor allem zu wenig Geld. Gerade die Armut bringt weitere Probleme mit sich. Bei mangelhaftem Zugang zu Wasser ist es unmöglich, sich regelmäßig die Hände zu waschen. Menschen, die in Armut leben, sind außerdem oft mangelernährt, geschwächt und daher besonders anfällig für Krankheiten. Gleichzeitig sind sie medizinisch schlecht versorgt, weshalb schwere Krankheitsverläufe deutlich häufiger zum Tode führen können.
Wenn das Gesundheitssystem durch die Behandlung von Corona-Infektionen immer stärker belastet wird, können andere Krankheiten nicht mehr behandelt werden. Das haben auch die jüngsten Ebola-Ausbrüche gezeigt. In der Konsequenz werden also mehr Menschen auch an anderen Krankheiten sterben. Außerdem ist unklar, ob ein künftiger Corona-Impfstoff weltweit verfügbar sein wird, also auch in armen Ländern. In der Vergangenheit konnten sie sich neue Wirkstoffe oft nicht leisten.

Was Sie tun können
Das Virus ist eine globale Bedrohung, die nur gemeinsam gestoppt werden kann. Um Länder mit schwachem Gesundheitssystem zu schützen, muss die Verbreitung in allen Regionen der Welt verlangsamt werden. Sie helfen also auch Entwicklungsländern, wenn Sie sich in Deutschland an die Empfehlungen und Anordnungen der Behörden halten. Die Corona-Viren verbreiten sich von Mensch zu Mensch, deshalb müssen Sie Ihre sozialen Kontakte auf das Nötigste verringern. Halten Sie in den wenigen nötigen Fällen genügend Abstand von anderen Menschen. Unterlassen Sie bitte alle sozialen Kontakte und Aktivitäten, die nicht unbedingt notwendig sind. Und waschen Sie sich oft und gründlich die Hände mit Seife. So tragen Sie wesentlich dazu bei, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Damit geben Sie der Forschung Zeit, mehr über die neue Krankheit herauszufinden und einen Impfstoff zu entwickeln.
Um die internationale Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, können Sie zusätzlich den Corona-Fonds der WHO unterstützen oder für Brot für die Welt spenden. Und von Auslandsreisen nehmen Sie am besten Abstand, auch um sich selbst zu schützen.
(Auszüge aus: https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/corona/)

Eine Stimme aus dem Süden (übernommen aus der Frankfurter Rundschau: https://www.fr.de/panorama/welt-nach-corona-krise-chance-entwicklung-indien-phasen-modell-zr-13750356.html):

Die Welt nach Corona: Modell zeigt auf, was die Krise mit uns macht
(von Thomas Kaspar)
Mit einem Phasenmodell macht die indische Ärztin Monika Langeh Mut, die Corona-Krise als Chance für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Sie erklärt, worauf es dabei ankommt.
• Studien zur Corona-Krise: Ärztin in Neu-Delhi entwickelt Drei-Phasen Modell
• Dr. Monika Langeh arbeitet als Ärztin in Neu Delhi und hat ein Modell mit drei Phasen der persönlichen Entwicklung ausgearbeitet
• Um die Corona-Krise als Chance zu nutzen sei es wichtig, sich zu reflektieren und andere in das eigene Handeln einzubeziehen
• Die Entwicklung von Werten in der Pandemie ermöglicht Wachstum danach
Neu Delhi – Monika Langeh arbeitet als Ärztin im Venketeshwar Krankenhaus in Neu Delhi, ganz in der Nähe des Indira Gandhi Flughafens im Westen der indischen Hauptstadt. Sie kennt die wirklichen Probleme im indischen Medizinsystem und ist unverdächtig, abgehoben von der Realität davon zu sprechen, dass jede Krise auch eine Chance sei. Sie hat mitten in der Hochphase der Coronavirus-Pandemie ein Modell entwickelt, um Menschen aufzuzeigen, worauf es dabei wirklich ankommt.
Corona-Krise: Drei Phasen für inneres Wachstum
Die drei Kreise bringen auf den Punkt, was jede und jeder von uns derzeit erlebt. Nachdem sich die Panik gelegt hat, beginnen wir zu lernen. Entscheidend ist die dritte Phase des Wachstums. Um dorthin zu gelangen sind immer drei Dimensionen wichtig: Selbstreflektion, Einbeziehen der anderen und Entwickeln von Werten für den eigenen Lebensplan.

Drei Phasen in der Corona-Krise: Wer will ich sein während Covid-19?
© Copyright: Monika Langeh/Übersetzung: Thomas Kaspar
Monika Langeh sieht einige Werte als zentral an, damit die persönliche Weiterentwicklung gelingen kann. An andere zu denken und hilfreich sein zu wollen, öffnet auch für das Selbst den Weg, um sich aus dem „Warteraum zwischen etwas“ zu einem Ziel zu öffnen.
In diesem Sinn ist das Phasenmodell auch eine Anleitung für uns. Welche Werte und Ziele am Ende der Krise stehen, definieren wir selbst. Wir müssen sie uns nur explizit machen und auch wirklich vornehmen.
Erste Phase der Corona-Krise: Panik und Angst
In der ersten Phase sind wir von Panik und Angst bestimmt. Wir haben kaum Informationen und horten unsystematisch alles, was nützlich sein kann. Unsere Bedürfnisse sind auf ein Minimum reduziert: Überleben und irgendwie heil aus der Situation herauskommen.
In Bezug auf andere, gelingt es uns in dieser Phase noch kaum Abstand zu uns selbst zu gewinnen. So verhalten wir uns selbst wenig aktiv, fühlen uns als Opfer und suchen nach einem Schuldigen.
Zweite Phase der Corona-Krise: Selbstdistanz und Lernen
Mit der Fähigkeit, Abstand zum Geschehen zu bekommen, beginnt die Lernphase. In dieser Phase können wir unterscheiden zwischen den Dingen, die uns guttun und denen, die uns schaden. Und wir gestalten aktiv, was wir konsumieren. Die Panikkäufe sind vorbei, wir kaufen wieder systematisch nach Plan ein. Aber wir können auch Nachrichten kritisch einordnen. Und wir beginnen zu verstehen, was wir benötigen, um Entscheidungen zu treffen und was uns schadet.
Unser Verhältnis zu anderen ändert sich grundlegend. Mit der wiedererwachten Selbstkompetenz können wir auch anderen zugestehen, dass sie nur das beste in einer unklaren Situation versuchen. Damit verstehen wir, dass es keine kompletten Informationen gibt, die alle Eventualitäten berücksichtigen. Wir können erste Pläne für unser Leben in einer unsicheren Welt gestalten.
Dritte Phase der Corona-Krise: Wachsen dank Werten
Der Umschwung von der Lernphase in die Wachstumsphase kommt mit einer veränderten Sicht auf sich selbst. Ich erkenne, dass ich nicht nur weiß, was ich nehmen will, sondern selbst etwas zu geben habe. Ich werde zum Akteur meiner eigenen Lebenswelt.
Damit ändert sich auch unser Zeitgefühl fundamental. War die erste Phase unmittelbar von der Gegenwart geprägt, konnte die Lernphase einen Schritt in die Zukunft machen. Die Wachstumsphase träumt sich ganz in die Zukunft und fragt, wer ich sein will trotz oder wegen Covid-19. Aus dieser Vision lassen sich Werte für mein gegenwärtiges Handeln ableiten. Aus dieser Vision entsteht innere Ausgeglichenheit.
Für Monika Langeh sind diese Werte von einem heilsamen Leben in Einklang mit den Mitmenschen geprägt. In ihrem Modell haben wir aus der Angst- und der Lernphase eine neue Fähigkeit mit in das eigene Wachstum mitgenommen. Dank Covid 19 haben wir gelernt, uns an neue Anforderungen anzupassen. Die Methode sich selbst zu reflektieren, an andere zu denken und aus der Vision der Zukunft Werte für den eigenen Lebensplan zu entwickeln, diese Methode funktioniert nicht nur während Pandemien. Sie macht unser Leben bei jeder Herausforderung besser.

Und nun zurück zum Zitat am Anfang dieser Lieferung (ich habe natürlich beim Stichwort „Aal“ auch sofort „Den Butt“ im Kopf gehabt…) und zur Ankündigung, dass wir uns diesmal mit dem Arbeitsfeld Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste verlinken:
In der neuen Reihe „Kunstwerk der Woche“ stellen dort wechselnde Autor*innen Kunstwerke unterschiedlicher Sparten vor und bringen sie in einen Dialog mit gesellschaftlichen und theologischen Themen. Diese Woche hat Dirk Brall vom Literaturhaus St. Jacobi Hildesheim in seinem Beitrag „Das Evangelium der Aale“ von Patrik Svensson für uns ausgewählt. Zu finden unter: https://www.kunstinfo.net/angebote/kunstwerk-des-monats

Ein Auszug des Beitrags von Dirk Brall vom Literaturhaus St. Jacobi (https://stjakobi.de/)
„Das genaue Betrachten der Natur verlangt von dem Journalisten, sich mit seinen Prägungen und Un-Glaubenssätzen auseinanderzusetzen. Sein Begleiter, der Aal, schärft sein eigenes Lesen. Und so liest er Sätze aus der Bibel neu“ oder beschäftigt sich „mit dem Glauben seiner Großmutter und seinem Umgang damit. Seine Großmutter glaubte an die Kraft von Wünschelruten und die der Geschichten der Bibel. Er selbst beschreibt sich als nicht gläubig. Doch der Aal lässt ihn immer wieder zweifeln.“

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann

Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit

in der Region Oberharz

KK Harzer Land/LK Hannovers