Was sich zu lesen lohnt

Christoph Quarch, Zu sein, zu leben, das 2020 ist genug.
Warum wir Hölderlin brauchen, ein Imprint der Kraterleuchten GmbH, Daun: 2020 legenda Q, 1 6,90€

Gerade rechtzeitig erschienen ist dieses feine kleine Buch im Jahr des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin (Die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“. wurde aufgrund der Corona-Pandemie verspätet eröffnet und ist noch bis bis zum 1. August 2021 im Literaturmuseum der Moderne, Marbach, zu sehen.) Es macht Freude, das elegante und doch schlicht gestaltete Buch auf Papier aus verantwortungsvollen Quellen und mit Leineneinband in der Hand zu halten. Und es macht noch mehr Freude, mit dem Buch Christoph Quarch auf den Spuren Hölderlins zu folgen. Quarch zeichnet das Porträt eines Dichters, der sich als Vorbote einer neuen und humaneren Welt begriff – einer vollentblühenden Welt, in der die alten griechischen Götter zu neuem Leben erwachen. Dabei erinnert der Autor seine Leser daran, dass Hölderlin mehr ist als nur ein Dichter. Sein Dichten und Denken sind ungebrochen aktuell, weil er begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt. Und so wird hier nicht versucht, Hölderlins Leben minutiös zu rekonstruieren, das Buch ist keine detaillierte Werkinterpretation, und es versucht auch nicht, Hölderlins Schaffen in den Zusammenhang der geistigen Strömungen seiner Zeit zu bringen. Das ist schon oft und auf vielfältige Art geschehen. Quarch folgt dem Geheimnisvollen um diesen Dichter, der sich allen Deutungen bis zu einem gewissen Grad nach wie vor zu entziehen scheint. Leben und Werk des Dichters sind nicht zu trennen. Dichtung ist dem ehemaligen Tübinger Stiftszögling und Verehrer Schillers, der mit Hegel und Schelling den deutschen Idealismus aus der Taufe hob, Lebensform. Hölderlin sah sich als
„Sänger der Götter“ und folgte seinem spirituellen Auftrag bis zur Selbstzerstörung. „So löst sich zuletzt das Mysterium der geistigen Umnachtung, in der Hölderlin seine zweite Lebenshälfte zubrachte: Das Gefäß seines Ichs war unter dem übermächtigen Zustrom der Begeisterung durchs Göttliche zerbrochen. Diese geistige Dimension des Lebens ernst zu nehmen, ist eine wichtige Lektion, die wir heute von Hölderlin lernen können.“ (Seite 11) In 5 Kapiteln wird in Teil I, „Die Stimme des Gottes. Hölderlins Berufung“, Hölderlins Leben nachgezeichnet – von der trotz aller Schicksalsschläge glückhaften Kindheit in der innigen Begegnung mit der belebten Welt, über die Jugend und die frühe Liebe zur Religion des antiken Griechenlands, die Jahre der Reife mit der leidvollen Erkenntnis, einen falschen Ausbildungsweg genommen zu haben und die Jahre der Entstehung des Hyperion und der Begegnung mit Susette Gontard, der Gattin seines Arbeitgebers als Hauslehrer, in denen er ein neues Selbstverständnis findet: Hölderlin will nun erleuchten wie Apoll und erschüttern und beleben wie Jupiter. Susette Gontard, die Diotima des Hyperion, in der er die Liebe seines Lebens
findet, ermutigt ihn dabei: „Nicht Rationalität, sondern Schönheit ist, was die Menschheit braucht, wenn sie auf neuen Wegen wandeln soll.“ (Seite 56) Kapitel 4 widmet sich der Blüte von Hölderlins Schaffen. Einmal lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht. Christoph Quarch legt nahe, dass Hölderlin hier vom Jahr 1796 und dem mit Susette Gontard verbrachten Sommer spricht. Und doch muss der Dichter weiter – und sei es auch fort von seiner Liebe. Der Meister seiner Dichtkunst und somit seines Lebens ist für Hölderlin die göttlichschöne Natur, das lebendige Sein dieser
Welt, von deren Heiligkeit und Schönheit zu zeugen seine Aufgabe ist, auch wenn es zu unseren Zeiten verborgen zu sein scheint.
Im fünften und letzten Kapitel mit der Überschrift „Zu viel des Lichts. Der Wahnsinn“ beschreibt Quarch eindrücklich, aufrüttelnd und bewegend Hölderlins einsamen Gang ins Schweigen: „So also stand es zuletzt um den Dichter, der sich als Knabe im Arme der Götter wusste. Sein Ich war unter den hochherziehenden Stürmen des Gottes zerbrochen, doch seine Seele hatte einmal wie Götter gelebt. So fürchtete er nicht, sie werde drunten im Orkus nicht zur Ruhe kommen, sondern blickte zuversichtlich dem Ende entgegen.“ (Seite 93) Der zweite Teil des Buches, „Ewiges, glühendes
Leben. Hölderlins Botschaft“ entfaltet dann unter den Stichworten „Freiheit, Natur, Schönheit, Liebe und Frieden“, was Hölderlin als Dichter und Botschafter den Menschen ans Herz legt für ein gelungenes Leben und eine bessere Welt. Und im dritten und letzten Teil, „Eine vollentblühende Welt. Hölderlins Vision“ geht es noch einmal und mit Blick auf unsere Zukunft und die Zukunft dieser Welt, um Möglichkeiten, mit Hölderlin nach Wegen und Auswegen aus der Krise zu suchen, die Krise als Chance auch zu begreifen, endlich zu beginnen, ins Offene zu kommen, die Natur wiederzufinden und ein Gespräch zu sein „…mit dem lebendigen Sein der Welt, in dem er dessen Göttlichkeit gewahrt,…“ (Seite 248)
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Dr. Christoph Quarch (*1964) ist Philosoph, Autor und Denkbegleiter.
Gemeinsam mit ZEIT-Reisen veranstaltet er philosophische
Reisen. Mit seiner SWR-Radiokolumne „Der
Frühstücksquarch“ und mit seinen Podcasts, Artikeln und
Büchern hat er ein breites Publikum im gesamten deutschsprachigen
Raum.

Noch ein Hinweis:
Besorgen Sie sich dieses Buch am besten über Ihren örtlichen
Buchhändler. Auch er hat einen Online-Service, der
gut funktioniert, bzw. ist vor Ort für Sie da.

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann
Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit in
der Region Oberharz – KK Harzer Land/LK Hannovers