Online-Reihe: Teil 11

Leere
Was du auch tust,
und wie stark du dich auch sehnst,
nie wird ganz ausreichen, was du hast.
An der Leere werden wir zu Träumern.
Entdeckern, Liebenden und Hoffenden.
Wenn du dich aber für Bitterkeit
entscheidest,
dieses süße Gefühl, an der Welt zu leiden,
nicht wertgeschätzt und unverstanden zu
sein,
dann schließt sich die Tür in die Weite.
Dann richtest du dich ein in dem, was du
nicht hast,
und verpasst die Gabe der Sehnsucht:
die geheimnisförmige Leere,
die sich mit mehr füllt,
als du dir wünschen konntest.
(© Ulrich Schaffer (*1942), Fotograf und Schriftsteller)

Die elfte Sendung
Ihr Lieben, sehr geehrte Damen und Herren,
nach einer langen Sommerpause habt Ihr/haben Sie Anfang September wieder einen der freitäglichen Rundbriefe bekommen. Für den Rundbrief Oktober haben wir bis zur Mitte des Monats gewartet. Denn am 2. Oktober, am Vorabend des Tages, an dem sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal jährte, haben wir die Kulturkirche Zellerfeld im Oberharz für die Saison 2020/2021 mit einem Freiheits-Tango-Salon eröffnet. Und heute, am 16. Oktober hätte eigentlich in der Reihe freitags bei uns im oberharz eine weitere Kreative Schreibwerkstatt stattfinden sollen, die leider wegen der steigenden Infektionszahlen und mit Rücksicht auf die Angehörigen von Risikogruppen erneut verschoben werden musste.
Hier kommt nun also der nächste Rundbrief – und der zwölfte Rundbrief dann Anfang November.
In dieser Woche geht es um eine
Ästhetik des Leidens und der Rettung in einer vom Buddhismus inspirierten Malerei:
Im Buddhismus lässt sich eine solche Ästhetik am besten in den unterschiedlichen Diagrammen vom Rad des Lebens mit seinen unterschiedlichen Symbolen finden. Jedes Leben wird nämlich von der buddhistischen Ikonographie durch karma und dharma definiert.
Das Rad des Lebens illustriert in populärer Weise die Essenz buddhistischer Lehren, die Vier edlen Wahrheiten (die Existenz irdischen Leidens, seinen Ursprung und seine Ursache, das Beenden bzw. die Verhinderung des Elends und den Weg der Praxis zur Befreiung vom Leiden).

Jedoch ist es moderne westliche Kunst – auch deren Rezeption im Osten – die das beste Beispiel dafür gibt, wie der Buddhismus und seine Lehren vom Leiden auch Stil und Inhalt von Kunst beeinflussen können.

Buddhismus und Gegenwartskunst
“A materialistic outlook has a firm foothold in our culture, which tends to compromise the genuine power of art.” Eine Fixierung auf das Materialistische ist in unserer Kultur fest verankert. Und diese Fixierung tendiert dazu, Kompromisse einzugehen, wenn es zur genuinen Kraft der Kunst kommt.
Dennoch gibt es nicht wenige nicht materialistische Einflüsse in der Kunst des Westens und in deren Geschichte. Dazu gehört auch und unter anderem die Praxis/Übung von Reflexion und Nicht-Anhaften. Eine Praxis, die ihre Wurzeln im Buddhismus hat und die in ihrem Innersten und in ihrer Intention essentiell nicht-konzeptuell ist.
Wir finden sie und die damit verbundene Haltung unter Künstlern, Musikern, Schriftstellern und Gelehrten, die im Prozess des Schaffens völlig über Denken und Konzept hinausgehen.

Emerson und Thoreau beispielsweise bezogen sich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf verschiedene Aspekte des Buddhismus, besonders auf die Praxis und „Methode“ des tiefen Nachfragens und auf die Intuition, in diesem Fall also auf die Interdependenz zwischen Mensch und Natur.
Ihre Schriften inspirierten William James, Walt Whitman und auch die Theosophen. Letztere wiederum beeinflussten westliche Künstler, etwa Kandinsky, Klee, Mondrian, Gauguin, Marc, Malevich und Frantisek Kupka.
Der rumänische Bildhauer Constantin Brancusi etwa war in besonderem Maße beeinflusst von Milarepa und dessen Differenzierung von Intelligenz und Weisheit.
Keinesfalls unterschätzt werden darf in diesem Zusammenhang Marcel Duchamps Einfluss auf die Kunst der Gegenwart, eines „Patriarchen des Konzeptualismus“. Teilweise beeinflusst von Kupka, seinem Nachbarn und wohl auch Mentoren in Paris, legte er die Betonung auf den Geist des Betrachters, auf den geistigen Raum zwischen dem Kunstobjekt und dem Betrachter. Und diesen Raum hob Duchamp als essentiell hervor, indem er ihn selbst als Kunst auszeichnete, als das „ästhetische Echo“.

Der japanische Gelehrte D.T. Suzuki und seine über 100 Bücher über Zen beeinflussten viele Künstler, einschließlich des hier und da deutlich unterschätzten John Cage.

Die Vertreter des Beat Writing mit ihrem Zentrum an der Westküste der USA waren ebenfalls deutlich von buddhistischem Gedankengut beeinflusst. Einige wurden zu Praktizierenden. So etwa Gary Snyder, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Joanne Kyger, Diane di Prima, Philip Walen, Michael McClure and Anne Waldman. Whalen wurde später Zen Mönch und Abt des Hartford Zen Center.
Viele begannen die Beschäftigung mit Suzuki und widmeten sich später auch Chogyam Trungpa, etwa seiner klassischen Arbeit mit dem Titel “Cutting Through Spiritual Materialism” (1973).
Die Maler Ad Reinhardt, Mark Tobey, Sam Francis, Agnes Martin, Jasper Johns, Brice Marden, Richard Tuttle, Pat Steir, Veja Celmins und viele andere wurden vom Buddhismus und dem buddhistischen Weg inspiriert. Für Tobey “painting should come through the avenues of meditation rather than the canals of action”. Tuttle redet davon, in seinem Werk nach der perfekten Balance zwischen Immanenz und Transzendenz zu streben, indem er versucht, diese beiden Dichotomien zusammen zu bringen.
“On the Buddhist path of liberation, the essential tools for working with suffering are mindfulness and awareness, which leads to insight, both great and small. Artists throughout history have in their own way found a process of mindfulness that allowed them to remain focused enough to manifest their vison.”
Ein Gemälde kann also ein Objekt der Kontemplation selbst sein, ein machtvolles Portal, das den Betrachter einlädt, dies Gemälde zu komplettieren.
Der Prozess des Malens wird so zu einem Prozess aktiver Reflexion und Reziprozität.

Und so gibt es viele Lehren des Buddhismus, die in das Studio des Artisten gebracht werden können. Geist und Körper etwa durch die Praxis der Meditation zu synchronisieren, schafft mehr Möglichkeiten der Einsicht, stellt einen Grund der Furchtlosigkeit und Offenheit her, der die Kreativität freisetzt. Die Ideen von Unbeständigkeit, Ichlosigkeit und allen am Grunde liegender Güte sind essentielle Qualitäten des buddhistischen Weges, die in den rituellen Kunstprozess inkorporiert werden können.
Diese Präsenz und dieses Jetzt zu kultivieren, ebenso wie die Fähigkeit, Gedanken gehen zu lassen statt sich an sie zu klammern als ob sie das Leben selber wären, sind Teil einer alten Weisheit. Und kann auch Teil einer modernen Weisheit werden. In jedem Fall wird es hilfreich sein, dies zu lehren, zu diskutieren und in unseren kreativen Gemeinschaften zu praktizieren.

Die Geschichte buddhistischer Kunst
Die Legende will, dass Siddhārtha Gautama, auch bekannt als Buddha, einmal sagte, dass, besser als tausend hohle Worte, ein Wort sei, das Frieden bringe.
Und buddhistische Kunst scheint in vielen Fällen dieser Weisheit zu folgen.

Die alarmierende Schönheit des Leidens
Auch unter westlichen Künstlern ist bekannt, dass Buddha lehrte, dass Leiden Teil der Conditio Humana sei.
Der Künstler und Buddhist Lachlan Werner und einige andere Künstler nun haben nach einem tieferen Verständnis des buddhistischen Begriffes vom Leiden durch ihr Schaffen gesucht.
In den frühen 2000ern waren Lachlan Werners Bilder kritische Kommentare des Materialismus, der sich in der westlichen Konsumkultur über den Buddhismus gelegt hatte. Aber kürzlich wurde sein Werk selbst reflektiver, und das in Übereinstimmung mit den aktuellen Zielen und Praktiken dieser Tradition.
“The Buddha famously said that his principle aim was simply to teach about suffering and its ending (in his Anuradha Discourse).”
Warner fragt, wie er selber, mit Hilfe seines künstlerischen Schaffens, das buddhistische Konzept des Leidens (dukkha) tiefer verstehen kann, und, auf der anderen Seite, wie das buddhistische Modellieren von Leid/en für Kreation und Perzeption in der visuellen Kunst genutzt werden kann.
Die letztliche Frage ist dabei, wie wir mit dem Tod in größerer Fülle leben können.
In der Feuerpredigt (Adittapariyaya Sutta) beschrieb Buddha unsere psycho-physische Konstitution so, als wenn wir fortwährend im Feuer seien/brennen würden. Die einzige Lösung für dieses Problem ist es, die Flammen und Gluten zu löschen, indem wir entfernen, was ihnen Nahrung gibt ebenso wie die Bedingungen der Anziehungskraft, der Aversion und des Wahns: indem wir also zu Nirvana erwachen.
Als Künstler versucht Warner, die feurigen Konditionen unseres Herzens und Geistes gänzlich sinnlich wahrnehmbar zu machen: visuell, tastbar und bewusst/achtsam. Er versucht, die Metapher des Brennens schön und alarmierend zugleich zu gestalten: Qualitäten, die oft auch in Buddhistischer Kunst ausgedrückt sind, sowohl der traditionellen als auch der gegenwärtigen.
Die traditionellen tibetischen Lebensrad Malereien etwa zeichnen ein Bild unseres Lebens in der furchterregenden Umklammerung der Göttin der Zeit, Kali. Dies soll uns bewegen, unsere Selbstgefälligkeit und Akzeptanz der gegenwärtigen Bedingungen hinzunehmen. Niemand von uns wird der Zeit entkommen. Die Frage aber ist, wie wir mit dieser Wirklichkeit umgehen.
Lachlan Warners jüngste skulpturale und Installationsarbeit fokussiert sich auf den menschlichen Körper, weil dieser das ist, wodurch wir die Welt kennen und schaffen, durch all unsere körperlichen Sinne, unsern Geist/unser Bewusstsein eingeschlossen.
Er benutzt Skizzen von meditierenden Menschen und stehende Figuren, Rodins Bürger von Calais ähnlich. Jede figürliche Silhouette wird aus Karton geschnitten. Letztere wird sodann versiegelt, mit einer Imitation von Goldblatt aus Thailand vergoldet (oft benutzt für große Buddha Statuen, Tempelmalerei und Möbel) und erneut versiegelt, bevor sie wortwörtlich verbrannt wird. Gelegentlich verliert Warner eine Figur zur Gänze, aber meistens kann der Brand kontrolliert werden.
Vier Arbeiten sind überschrieben mit Der Wald I-IV, 2013-2017. Wald, in den vedischen Traditionen des Buddhismus, Hinduismus und Jainismus, wird nämlich häufig als Metapher für den Ort benutzt, wo wir Frieden finden können, aber auch für den Ort, wo wir unseren eigenen Dämonen begegnen.
In anderen Ausstellungen zu Kunst und Buddhismus lässt sich ein profunder Einfluss des Zen finden, einer von vielen anderen Wegen, die Nachrichten des Buddhismus in den visuellen Künsten zu vergegenwärtigen und zu verarbeiten.

Die buddhistische Vorstellung vom Leiden ist, um noch ein weiteres Beispiel zu nennen, auch Schlüssel zum Werk der australischen Künstlerin Lindy Lee – auch sie Zen Praktizierende. Der Titel Ihrer Überblicksausstellung aus dem Jahr 2014 im Kunstmuseum an der Universität von Queensland, The Dark of Absolute Freedom, legt ihre Praxis dar. Ihre künstlerischen Arbeiten wollen uns mitteilen, dass es die Dunkelheit ist, in der wir Freiheit finden können und müssen. Tod sucht uns alle heim. Wie können wir damit in Gänze leben?

Die Künstlerin hat Werke geschaffen, die Zeichen von Sein in diese Dunkelheit setzen. Dabei sind die Dunkelheiten in der Form massiver Rollenschriften präsentiert, visuelle Gedichte über das Leiden, die aber gleichzeitig wirklich und sinnlich zu fühlen sind.

Und schließlich seien die Arbeiten des chinesischen Künstlers Zhang Huan erwähnt, die ähnliche Themen berühren. In Australien etwa ist er sehr bekannt geworden für seinen Sydney Buddha von 2015, im Kulturbezirk Carriageworks in Sydney: eine enorme Buddha Form wurde aus Weihrauch-Asche gepresst, die in Shanghaier Tempeln gesammelt wurde. Man muss das im wahrsten Sinne des Wortes sehen, riechen und fühlen. Und dies Kunstwerk wirkt darüber hinaus mit seinem unaufhaltsamen Zerfall. Am Ende wurde die Asche erneut gesammelt, dann eingepackt und zum Ort ihrer nächsten „Reinkarnation“ gebracht (bevor sie in Sydney zu sehen war, hatte man sie bereits als Berlin Buddha sehen können).

In einem weiteren Sinn, das sei hier ebenfalls noch erwähnt, haben internationale Künstler wie etwa Bill Viola und Laurie Anderson zu unserem Verständnis von Leiden im Medium von Video Arbeiten beigetragen. Wie buddhistisch beeinflusste Musik und Poesie basiert auch ihr Werk auf Repräsentationen von Leid/en, die sowohl schön als auch quälend sind. Und für viele – Künstler und Betrachter – liegen das Paradox und die Unabwendbarkeit des Leidens im Kern sowohl des Buddhismus als auch der Kunst.”

Für den 16.10. und das Wochenende
Lade ich herzlich dazu ein, die angegebenen Quellen zu verfolgen.
Nach Gemälden, Skulpturen und Gedichten der behandelten Künstler Ausschau zu halten.
Oder auch die Halberstädter Kirche mit der berühmten Installation von John Cage zu besuchen.
Interessant und einen virtuellen Besuch wert sind die Internetseiten des in der Nähe des Oberharzes gelegenen Theaters für Niedersachsen (Theater zum Mitmachen etwa) oder der Niedersächsischen Landesgartenschau 2022:
www.tfn-online.de
www.laga-bad-gandersheim.de

Und in eigener Sache eine herzliche Einladung (Ausgangspunkt für Fragen ist immer: www.kirche-kultur-oberharz.de)
zum Virtuellen Salon über den Querdenker und Harzwanderer Heinrich Heine am 28.10. 2020 um 20.00 (bis ca 21.00).
Einen einführenden Trailer finden Sie in einem hierfür produzierten nicht öffentlichen You-tube Beitrag auf unserer Homepage kirche-kultur-oberharz.de etwa eine Woche vorher.

Wegen begrenzter Teilnehmendenzahl bitten wir um vorherige Anmeldung an:
Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann, Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit im Oberharz Prof.-Mohrmann-Weg 1, 38644 Goslar-Hahnenklee oder per Mail an: TourismusKulturOberharz@web.de