Online-Reihe: Teil 12

Die Photographie muss still sein (es gibt dröhnende Fotos, ich mag sie nicht): das ist keine Frage der Diskretion, sondern der Musik. Die absolute Subjektivität erreicht man nur in einem Zustand der Stille, dem Bemühen um Stille (die Augen schließen bedeutet das Bild in der Stille zum Sprechen bringen).“
(Roland Barthes)

Die zwölfte Sendung
Ihr Lieben, sehr geehrte Damen und Herren,
In dieser Woche geht es um Freiheit und Querdenken, um Wegzeichner und Schönheitsdurst.
Und um Fotografie.
1980 erscheint in Paris in seinem Todesjahr die letzte Veröffentlichung von Roland Barthes: La chambre claire. Hier wird uns von dem großen Semiologen ein Zeugnis hinterlassen aus einer vordigitalen Zeit. Und Barthes definiert sich klar als Betrachter, nicht als Macher, auch wenn zu seiner Zeit die analoge Fotografie schon länger ein Massenphänomen war.
Anders als in seinen semiotischen Betrachtungen zu Literatur, Film, Werbung und Mode, hat es aber den Anschein als verweigere die Fotografie sich einer methodischen Analyse. Das Foto scheint sich dem Zeichen-Status zu widersetzen: „‘Was immer auch ein Photo dem Auge zeigt und wie immer es gestaltet sein mag, es ist doch allemal unsichtbar: es ist nicht das Photo, das man sieht.‘“ Als käme die Fotografie beinahe ohne Zutun des Fotografen aus und als hebe es sich als Medium quasi selber auf. Und im Gegensatz zur Malerei weist das fotografische Abbild eine unwillkürliche Informationsfülle auf.
„Auch für Barthes sind es zumeist nebensächliche Details, die ihn anrühren, ihm einen Stich versetzen und zu Reflexionen anregen. Dieses affektive und zufällige Moment bezeichnet er fortan als punctum und grenzt den Begriff vom studium ab, dem ‚Feld des kulturellen Interesses‘. Über ein Dutzend ausgewählter Schwarzweißfotografien nimmt Barthes im ersten Teil zum Anlass, um der magischen Sofortwirkung der Fotografie, dem ‚Es-ist-so-gewesen‘ auf den Grund zu gehen und in jedem Bild ein persönliches punctum aufzuspüren. Mal sind es die Spangenschuhe einer Afroamerikanerin, mal ist es der Verband am Finger eines Mädchens.“
Anhand einer Fotografie von Barthes Mutter als Fünfjähriger, in dem er mehr als in allen anderen Bildern das Wesen seiner verstorbenen Mutter wiederzuerkennen meint, macht Barthes deutlich, dass und wie die körperliche Anwesenheit im Foto die Abwesenheit und den Verlust umso schmerzlicher verdeutlicht. So beschreibt er Fotografie als eine „‘Emanation des Referenten. Von einem realen Objekt, das einmal da war, sind Strahlen ausgegangen, die mich erreichen, der ich hier bin.‘“
Zeit wird stillgelegt und in diesem Geschehen und Akt sind auch immer Tod und Vergänglichkeit mit eingeschrieben. Was aber wirklich zählt ist für Barthes aber die Beglaubigung, dass dagewesen ist, was ich sehe.
„So haftet für Barthes jeder Fotografie eine Aura des Leibhaftigen an. Diese alchimistische Verbindung zwischen Gegenstand und Bild büßt allerdings schon zu seinen Lebzeiten an Bedeutung ein und scheint sich mit der digitalen und virtuellen Wende vollends zu verflüchtigen. In neueren Ansätzen der Fototheorie spielt das fotografische Bild denn auch weniger als authentische Spur oder Kontaktabzug der Wirklichkeit eine Rolle, sondern wird vermehrt als Wirklichkeit (re-)konstruierendes Zeichen und Kommunikat gedeutet.“
„Bei Maurice Merleau Ponty rückt der Körper ins Zentrum der Phänomenologie. Er versucht die klassischen Dichotomien wie Subjekt und Objekt, Leib und Seele, zu überwinden und sucht Erkenntnis in den Zwischenräumen und [der] Wechselbeziehung.“ Es gibt also eine Erkenntnis neben der der Naturwissenschaft. Und alles ist Beziehung, nichts existiert für sich allein. Das ist in gewisser Weise eine deutliche Kritik an Descartes und sein „Cogito ergo sum“ und die mit ihm in die westliche Welt eingeführten vielfältigen Dualismen (und Dichotomien).
Ein Plädover für das Wahrnehmen mit allen Sinnen (in der Fotografie und beim Reisen).
Das ‚Es-ist-so-gewesen‘ des Fotos scheint immer mit einem Gefühl des Verlusts und der Vergänglichkeit einherzugehen.
„So schreibt auch Susan Sontag in dem Essay ‚Objekte der Melancholie‘: was eine Fotografie surreal macht, ist die unwiderstehliche Rührung, die sie als Botschaft aus vergangener Zeit auslöst. Die Zeit selbst ist das schmerzlichste, irrationalste, geheimnisvollste Phänomen der Fotografie.“
Und Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft schreibt in seinem Text ‚Bitte Augen schließen’ unter Bezug auf Barthes ‚Die helle Kammer‘, dass digitale Bilder lärmen und dröhnen, ohne Stille, Melodie und Duft seien.
Sein Text ist nicht nur Kritik an einer Ästhetik des Digitalen, sondern am Zustand unserer müden Gesellschaft. Die Krise der Beschleunigung ist zugleich auch eine der Schönheit. Denn alles Negative, fremde, Andere, Verletzende wird buchstäblich totgeschwiegen.
„Hyperaktivität und Hypervisibilität machen es schwierig, die Augen zu schließen, meint Byung-Chul Han…alles sichtbar zu machen, bringt die Zonen des Geheimnisvollen und Rätselhaften zum Verschwinden. Damit verschwindet auch die Fantasie für den Anderen als dem Unbekannte[n].“

Parallelen gibt es zwischen Barthes und Walter Benjamins Essay zur Photographie. Beide können als maßgebliche texte zur Frage nach dem Referenten in der technischen Moderne gesehen werden. Und für Derrida haben beide die Ressourcen der phänomenologischen und strukturalen Analyse durchdrungen, überschritten und ausgebeutet.
„Der Begriff des Punktum bei Barthes überschneidet sich mit dem Begriff der Aura in Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sowie in Benjamins Kleiner Geschichte der Photographie. Wie das Punktum erzeugt die Aura für Benjamin einen „chok“, der den ‚Assoziationsmechanismus‘ außer Kraft setzt. (4) Barthes: ‚So ging ich die Photos meiner Mutter durch, einer Spur folgend, die in diesen Schrei mündete, mit dem jede Sprache endet: ‚Das ist es!‘…ein jähes Erwachen, durch keinerlei ‚Ähnlichkeit‘ ausgelöst, das satori, wo Worte versagen, die seltene, vielleicht einzigartige Evidenz des ‚So, ja, so, und weiter nichts‘.“
Eine weitere Parallele findet sich in der Bedeutung des Blicks und der Spannung zwischen verallgemeinerbaren und subjektiven Momenten der Aura bei Benjamin des Ausdrucks im ‚photographische(n) Blick‘ bei Barthes.
„“Benjamin: ‚Der Angesehene oder angesehen sich Glaubende schlägt den Blick auf. Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.‘(6) Barthes bezieht sich wie Benjamin auf die Wahrnehmungen und Erfahrungen, in denen wir uns angesehen glauben und überträgt dies auf das Paradoxe im photographischen Blick: ‚Der photographische Blick hat etwas Paradoxes, dem man bisweilen auch im Leben begegnet: vor kurzem sah ich im Café einen jungen Mann, der seine Augen durch den Raum schweifen ließ; ab und zu fiel sein Blick auf mich; in einem solchen Moment hatte ich die Gewißheit, daß er mich ansah, ohne indes sicher zu sein, daß er mich sah: unbegreifliche Umkehrung: wie kann man ansehen ohne zu sehen? Offenbar trennt die PHOTOGRAPHIE die Beachtung von der Wahrnehmung und setzt nur die erstere ins Bild, obwohl sie ohne letztere nicht denkbar ist; aberwitziges Phänomen: eine Noesis ohne Noema, ein Denkakt ohne Gedanke, ein Zielen ohne Ziel. Und dennoch bringt dieser unbegreifliche Vorgang die höchst seltene Erscheinung eines Ausdrucks hervor.‘(7) Anhand eines Photos von André Kertész (‚Piet Mondrian in seinem Atelier‘, Paris 1926) stellt Barthes anschließend die Frage: ‚Wie kann man einen intelligenten Ausdruck haben, ohne etwas Intelligentes zu denken?‘(7), da der Porträtierte im Moment des Photos ja nur ein Stück schwarzen Kunststoffs betrachte. ‚Es ist, als ob der Blick, der die Ökonomie des Sehens steuert, durch etwas Innerliches zurückgehalten würde‘(8), stellt Barthes fest, indem er auf ein weiteres Foto André Kertész eingeht, das einen Jungen mit einem Hund zeigt. Zwar schaut der Junge mit traurigen Augen‘ in die Kamera, aber in ‚Wirklichkeit sieht er nichts an; er hält seine Liebe und seine Angst nach innen zurück: nichts anderes ist der BLICK‘(8)“

Für den 20.11. und das Wochenende
Lohnt sich vielleicht der Besuch einer virtuellen Fotoausstellung oder die Lektüre eines der angegebenen Bücher.

Und in eigener Sache eine herzliche Einladung (Ausgangspunkt für Fragen und Informationen ist immer: www.kirche-kultur-oberharz.de) zu unseren einmal monatlich stattfindenden virtuellen Salons. Im zweiten dieser Art am 25.11.2020 um 20.00 (bis ca. 21.00) wird es um den Querdenker und Harzliebhaber Heinrich Heine und um den Wegzeichner und Harzwanderer Johann Wolfgang von Goethe gehen
Zu den Salons bereiten wir zwischendurch immer einmal wieder einen kurzen Film/Videotrailer vor.
Ein neues „Video des Monats“ finden Sie auf unserer Homepage
Wegen begrenzter Teilnehmendenzahl bitten wir um vorherige Anmeldung auf der Homepage oder an:
Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann, Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit im Oberharz: TourismusKulturOberharz@web.de

Bitte vormerken: Eröffnung einer Fotoausstellung und folgender Fotoworkshop von und mit Thomas Block, Petershagen-Windheim
am 7. Mai 2021um 19:30 Uhr und vom 8.-9.Mai 2021

Die wichtigsten Freitagsrundbriefe werden 2020/2021 im LIT-Verlag erscheinen:
Sybille C. Fritsch-Oppermann (Hgn.)
Kirche und Kultur in der Krisenzeit
Ein literarisch-politisches Nachdenkebuch
mit Impulsen aus der Reihe „freitags bei uns im oberharz“

Pn. Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann
Beauftragte für Tourismus, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit
in der Region Oberharz
KK Harzer Land/LK Hannovers